Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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Lohn  kann  rch  überhaupt  nicht  leben,  ich  muß  verhungern.  Darum  glaube
ich  doch,  daß  der  Lohn  für  den  Arbeiter  noch  viel  bedeutungsvoller  ist  als  die
Arbeitszeit."
„Das  sieht  freilich  ganz  richtig  aus,"  erwiderte  ich:  „aber  betrachten
wir  dre  Sache  einmal  etwas  genauer,  und  wir  werden  sehen,  daß  es  doch
nicht  ganz  stimmt.  Stelle  dir  zum  Beispiel  vor,  du  solltest  Tag  für  Tag
etwa  18  Stunden  arbeiten  und  bekämst  einen  sehr  hohen  Lohn  dafür.  Wärst
du  damit  zufrieden?"
„Das  hält  ja  kein  Mensch  aus!"  rief  Karl  entsetzt.  „Unlängst  machten
wir  Ueberzett,  und  nach  diesen  10^2  Stunden  Arbeit  fühlte  ich  mich  schon
ganz  zerbrochen.  Wenn  ich  täglich  18  Stunden  arbeiten  müßte,  dann  wäre
ich  schon  nach  der  ersten  Woche  eine  rote  Leiche."
„Nun,"  bestätigte  ich,  „dann  würde  dir  kein  noch  so  hoher  Lohn  mehr
nützen.  Wird  der  Arbeiter  zu  stark  angestrengt,  muß  er  täglich  zu  lange
arbeiten,  so  leidet  seine  Gesundheit,  verkürzt  sich  sein  Leben  mindestens
.  ebenso  tote  bei  zu  niedrigen  Löhnen.  Dazu  kommt  aber  noch  eins,  und  das
ist  von  größter  Bedeutung.  Der  Mensch,  der  nur  gerade  sein  Leben  fristet
,  und  Kinder  aufzieht,  der  lebt  nicht  besser  und  hat  nicht  mehr  Wert  als  ein
Stuck  Vieh.  Im  Anfang  des  Kapitalismus,  als  die  Arbeiter  noch  unorganisiert ­
  und  wehrlos  waren,  da  herrschten  unmäßig  lange  Arbeitszeiten,  da
lebten  sie  auch  zum'großen  Teil  ganz  stupid  dahin,  das  Elend  hatte  sie
stumpf  gemacht,  nur  hie  und  da  kam  es  zu  wilden  Ausbrüchen  der  Der-3meiflung,_
  die  aber  von  den  Regierungen  leicht  erstickt  werden  konnten.
Erst  allmählich  sind  die  Arbeiter  wieder  zum  Bewußtsein  ihrer  Menschenwürde ­
  gekommen,  sie  haben  einsehen  gelernt  daß  sie  sich  organisieren,  daß
sie  einen  langen,  hartnäckigen  und  opferreichen  Kampf  mit  ihren  Ausbeutern
führen  müssen,  um  in  die  Höhe  zu  kommen.  Aber  schon  damit  sie  zu  dieser
Erkenntnis  kamen,  dazu  war  notwendig,  daß  sie  Zeit  hatten  zum  Nachdenken ­
  und  zur  Beratung  untereinander.  Solange  der  Arbeitstag  alle
Kräfte  in  Anspruch  nahm,  solange  der  Arbeiter  huudemüde  nach  Hause
kam,  um  sich  möglichst  rasch  durch  todähnlichen  Schlaf  für
die  Rackerei  des  nächsten  Tages  vorzubereiten,  da  konnte  von  Organisation,
von  Aufklärung  und  Bildung,  von  gewerkschaftlichem  und  politischem  Leben
der  Arbeiterschaft  noch  kaum  die  Rede  sein.  Ihr  seht  also,  daß  die  notwendigste ­
  Vorbedingung  jeder  Kultur  des  Proletariats  die  .Kürzung  der  Arbeitszeit ­
  ist."
„Mir  scheint,"  warf  nun  Wilhelm  ein,  „daß  ihr  beide  recht  habt.  Für
den  einzelnen  Arbeiter  ist  vielleicht  die  Höhe  des  Lohnes  noch  wichtiger  als
die  Länge  der  Arbeitszeit;  für  die  Arbeiterschaft  im  ganzen  aber,  für  ihr
Schicksal  und  ihre  Zukunft  ist  doch  die  Verkürzung  der  Arbeitszeit  das  allerwichtigste. ­
  Aber",  fügte  er  zu  mir  gewendet  hinzu,  „warum  leisten  denn
die  Unternehmer  gerade  gegen  die  Beschränkung  der  Arbeitszeit  einen  nom
heftigeren  Widerstand  als  gegen  die  Erhöhung  des  Arbeitslohnes?  Ich  habe
das  schon  wiederholt  in  der  Zeitung  verfolgt,  daß  bei  Streiks  die  Unternehmer ­
  noch  eher  bereit  sind,  den  Lohn  zu  erhöhen,  als  die  Arbeitszeit
herabzusetzen.  Ich  hätte  gedacht,  daß  ihnen  das  ganz  gleich  sein  kann.,  Ich
habe^  über  diese  Frage  schon  öfters  nachgedacht,  und  nach  dem,  was  wir
neulich  über  Wert  und  Lohn  gesprochen  haben,  schien  mir  dieser  Unterschied
erst  recht  unverständlich.  Nehmen  wir  znm  Beispiel  an,  ein  Arbeiter  arbeite
täglich  zehn  Stunden  und  bekomme  einen  Lohn  von  3  Mk.  täglich.  Nehmen
wir  an,  daß  der  Arbeiter  den  Wert  dieser  3  Mk.,  seines  Lohnes,  in  sechs
            
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