Full text: Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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in Vergessenheit gebracht hatten. Deshalb blieb er dem neuen 
Geiste gegenüber unzugänglich und ablehnend. Er war 1 ) 
gewappnet gegen die Irrlehren, die die modernen Historiker, die Poli 
tiker, die Dichter, die Presse nsw. yortrugen. . .. Ich blieb zuerst gleichgültig 
gegenüber den Schriften, die meine Mitschüler begeisterten; dann verabscheute 
ich sie, als ich die blutigen Ereignisse vom Juli 1830 daraus hervorgehen sah, 
die sich seitdem so oft wiederholt haben. 
Also immer Ablehnung und Verabscheuung der modernen Ideen, die 
allein für das nationale Unglück haftbar gemacht wurden. 
Daneben finden wir bei Le Play schon früh jene ausgeprägte 
„hierarchische“ Auffassung vom Staats- und Gesellschaftsleben, 
d. h. die Vorstellung von über- und untergeordneten Gesellschafts 
klassen, die ihm ebenfalls vollkommen in Fleisch und Blut über 
gegangen war. Auch in seinem Privatleben zeigt sich diese Auf 
fassung von der Überordnung des einen über den anderen. Als er 
mit seinem Freunde Reynaud in Deutschland reiste, ergaben sich 
oft lebhafte Meinungsverschiedenheiten; aber 
die hierarchischen Gewohnheiten bestimmten mich dazu, die manchmal etwas 
scharfen Wendungen des „Älteren“ gern hinzunehmen 2 ). 
Wie wir in der Jugend diese Auffassung schon wahrnehmen können, 
so finden wir sie später wieder, bis in die Einzelheiten systematisch 
ausgebaut. Eine solche organische Auffassung des Volkslebens hatte 
ihre volle Berechtigung; aber indem jede andere Auffassung von 
vornherein abgewiesen wurde, entstand ein „Vorurteil“. Er hätte 
die Notwendigkeit der „hierarchischen“ Gliederung beweisen müssen. 
Le Play wußte wohl, daß auch er sich vor „opinions precongues“ 
zu hüten habe 3 ); aber er dachte dabei je länger, um so weniger an 
jene ihm in der Jugend eingepflanzten Vorstellungen, an die ganze 
Richtung seiner eigenen Erziehung, sondern an gewisse sein Volk 
und seine Zeit beherrschenden Vorstellungen, vor allem an die 
Überschätzung des Reichtums, an die demokratischen Anschauungen 
der großen Revolution. Sie suchte er bei sich zurückzudrängen, 
weil er sie als Hemmungen seiner wissenschaftlichen Arbeit be 
trachtete. Er sah die Gefahr immer nur auf der einen Seite, so 
sehr stand er selbst auf der anderen. Dieser Standpunkt, zu dem 
') 0. E. I, 619. 
2 ) 0. E. I, 39. 
3 ) Ref. soc. I, 65.
	        
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