Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 193
Schriftsteller angezogen. Hier konnte auch sein Zug zur radi⸗
kalen Bespiegelung der Welt und seiner selbst zu voller Gel—
tung kommen, und hier unterstützte ihn sein lebhaftes, persön—
lich gewandtes lateinisches Stilgefühl wie das eingehende
Studium verwandter Geister, Lucians, Collenuccios und Pon⸗
tanos. Wie er auf diesem Gebiete zu wirken verstand, zeigen
schon seine im Jahre 1500 zuerst ausgegebenen Adagia, eine
durch launige Erklärungen des Sammlers unterbrochene Zu⸗
sammenstellung moderner und namentlich antiker Lebensweis⸗
heit. Aber sie wurden weit übertroffen durch die Laus stul-
titias vom Jahre 1509. Wie verarbeitete Erasmus hier die
in der Litteratur schon des 15. Jahrhunderts beliebte Idee,
schädliche Dinge humoristisch und satirisch zu loben! Die
ganze Welt dünkt ihn ein Narrenhaus, als dessen Be—
herrscherin Stultitia selbst das Wort ergreift. Natürlich er—
scheint ihr gut nur, was den Humanisten mißfallen konnte, vor
allem die Menge der Vertreter des alten Studiums, der Theo⸗
logen, des Klerus. Den Drang einer abgeklärten Weltweisheit,
sich in geistreichen Humor zu äußern, offenbarten dann mit
einer Wendung ins Lehrhafte die Colloquia fawiliaria (1519),
Plaudereien über Alles und Nichts, Feuilletons über wichtige
Fragen der Zeit, namentlich über Erziehungswesen und huma—
nistische Bildung. Auch hier wird Religion und Kirche oft
gestreift, aber auch hier nur in dem Sinne, daß ihre äußerliche
Reform nach humanistischen Idealen erstrebt wird, ohne daß
eigene Frömmigkeit dem Verfasser ins Herz griffe.
Indes haben die Arbeiten des Erasmus auf philologisch—
humanistischem Felde doch dauerndere Wirkungen hinterlassen,
als seine schöngeistigen Schriften. Vor allem knüpft sich hier
die Einführung des Griechischen in den regelmäßigen Betrieb
der Wissenschaft an seinen Namen. Gewiß war das Griechische
einigen Humanisten etwas höheren Alters bekannt, so Agricola
und Dalberg, einigermaßen auch Wimpheling, Bebel und
Celtes. Allein das bedeutete wenig gegenüber der Thatsache,
daß das erste Buch mit griechischen Lettern in Deutschland erst
Lamprecht, Deutsche Geschichte V 13