ZHO Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes. Buch X.
alle Unterschiede des Volkscharakters hervorbringt, wird nie entwirrt.
Das heißt, beim Sinken der Zivilisation schreiten die Staaten nicht auf
denselben Pfaden abwärts, auf denen sie emporgestiegen sind. Das
Sinken der politischen Zivilisation würde uns z. B. nicht von der Republik
zur konstitutionellen Monarchie und von da weiter zum Feudalsystem
zurückführen; es würde uns dem Zäsarismus und der Anarchie in die
Arme werfen. In der Religion würde uns der Niedergang nicht zu dem
Glauben unserer Vorväter, zum Protestantismus oder Katholizismus
zurückführen, sondern in neue Formen des Aberglaubens, von denen
möglicherweise das Mormonentum und der Spiritualismus eine ent
fernte Vorstellung geben können. In den Wissenschaften würde der
Niedergang uns nicht zu Bacon, sondern zu den Gelehrten Lhinas
zurückbringen.
wie aber der Rückgang der Zivilisation nach einer Periode des
Fortschrittes so allmählich sein kann, um zurzeit gar keine Aufmerksam
keit zu erregen; ja, wie jener Rückgang von der großen Mehrheit der
Menschen notwendig für Fortschritt gehalten werden muß, ist leicht zu
erklären. So besteht beispielsweise ein ungeheurer Unterschied zwischen
der griechischen Kunst der klassischen Zeit und der des späteren Reiches;
allein der Umschwung war von einer Geschmacksänderung begleitet
oder vielmehr verursacht. Die Künstler, welche dieser Geschmacksverände
rung am schnellsten folgten, wurden zu ihrer Zeit als die besseren an
gesehen. Und ebenso in der Literatur. Als sie schaler und kindischer wurde
und auf Stelzen einherging, da war dies der Ausdruck eines veränderten
Geschmackes, der ihre zunehmende Schwäche für erhöhte Kraft und Schön
heit ansah. Der wirklich gute Schriftsteller würde keine Leser gefunden
haben, er wäre als roh, trocken oder langweilig verschrieen worden.
Geradeso ging das Theater abwärts, nicht weil es an guten Stücken
fehlte, sondern weil der herrschende Geschmack mehr und mehr der
einer weniger gebildeten Klasse wurde, die natürlich das, was ihr am
meisten gefiel, als das Beste seiner Art betrachtete. Ebenso mit der Reli
gion; die abergläubischen Vorstellungen, die ihr ein abergläubisches Volk
hinzubringt, werden von demselben als Fortschritte angesehen werden,
wenn der Niedergang schon im vollen Zuge ist, wird man die Einwendung
zur Barbarei wo nicht gar für einen Fortschritt, doch für nötig halten,
um den Bedürfnissen der Zeit zu entsprechen.
vor kurzem ist z. B. die körperliche Züchtigung als Strafe für
gewisse Verbrechen im englischen' Strafgesetz wiederhergestellt und in
Amerika stark befürwortet worden. Ich spreche keine Ansicht darüber
aus, ob die Prügelstrafe eine bessere Strafe ist als die Freiheitsentziehung
oder nicht. Ich deute nur auf die Tatsache als auf einen Beweis, wie die
zunehmenden Fälle von verbrechen und die zunehmende Verlegenheit,
wie man die Gefangenen unterhalten soll (beides sind jetzt unzweifelhaft
vorhandene Tendenzen), dahin führen können, daß man immer mehr
zu der körperlichen Grausamkeit barbarischer Gesetzbücher zurückkehrt.