Umrisse einer Theorie des Individuellen, III.
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Eine Obergrenze ist diesem Bemühen schon gar nicht gesetzt
Ist doch die Explikation, die uns das Individuum selber erschließt,
nicht minder unbegrenzt als jene, die uns das Individuum in einer
immer anderen Verflechtung erfassen läßt. Begrenzt ist bloß unser
Interesse am Ergebnis; in dieser rein formalen Hinsicht aber
bemißt sich unser Interesse nach dem „organisch“ richtigen Ver
hältnisse, das zwischen der Einzelleistung und der jeweils vor
liegenden Gesamtleistung auf idiographischem Gebiete bestehen
muß. Soviel ist klar, daß im Geiste jener zweiten Formel das idio-
graphische Erkennen seine Höchstleistungen vollbringt; von dort
her werden ihm als Preis die „feinsten Blumen“ winken. Unser Bei
spiel freilich käme diesen Verwicklungen nicht mehr nach; in seiner
Ausgedachtheit hat es die Darlegung gleich einer „Übung am Phantom“
begleitet, und nur an der lebendigen Wirklichkeit selber könnte man
es erläutern, wie unser Denken den tiefsten Blick in ihr ureigenes
Gewebe hinein zu tun vermag. Genug, wenn dieses Beispiel ver
deutlicht hat, wie sich das Wechselspiel zwischen Individuation und
Explikation als roter Faden durch das ganze idiographische Denken
zieht, die ganz besondere Form verratend, in der auch dieses Erkennen
die „Einheit im Mannigfaltigen“ sucht: im Geiste einer Explikation,
einer systematischen Zergliederung des Allzusammen-
h a n g e s.
III. Die Voraussetzungen des idiographischen Verfahrens.
Es hat die logische Analyse des idiographischen Verfahrens aus
gemacht, die zwei Vorgänge zu sondern und ihre Beziehungen aufzu
decken: die Individuation, als eine spezifische Art, wie sich Urteile
zu Begriffen verflechten, die Explikation, als eine spezifische Art,
in der sich die Verhältnisse zwischen Begriffen gestalten. Nun wenden
wir uns noch der erkenntnistheoretischen Seite des Verfahrens
zu, seinen Voraussetzungen. Die Bedingungen stehen in
Frage, unter denen biographisches Erkennen möglich wird. Sie haben
sich zum Teil schon bei der logischen Analyse ergeben. Zum rest
lichen Teil sind sie uns als Probleme fühlbar geworden. Es handelt
sich nun darum, diese Probleme richtig zu verstehen. Ihre Lösung
kann nur mehr angedeutet werden; sonst müßte geradeaus die Präge
nach dem Sinn der ganzen geographischen Erkenntnis aufgeworfen
werden, weil geographische Vorstellungen auch der jetzigen Er
wägung als Folie dienen.
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