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,Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung“,
Soviel wir bisher sahen, setzt das idiographische Verfahren zweierlei
voraus: die stete Mithilfe nomothetischer Erkenntnis
und den steten Bezug auf einen Allzusammenhang.
Die erstere Voraussetzung versteht sich bei der Natur unseres Denkens
von selbst. Ihr ist im rohen schon durch unsere Fähigkeit genügt,
in Worten zu sprechen. Jede Läuterung aber der nomothetischen Er
kenntnis kommt auch der idiographischen zugute. Erstens läutern
sich dadurch die Elemente der idiographischen Begriffe; zweitens er
leichtert sich die Interpretation der Zusammenfassungen, die sich mit
jenen Begriffen verwirklichen. Es muß aber auch ein Allzusammen
hang zugrunde liegen, will man im wissenschaftlichen Geiste idio-
graphisch denken; ein Zusammenhang nämlich, der mit der Wirklichkeit
selber gegeben ist, der also das Wirkliche anschaulich umfängt,
und dabei schrankenlos sich weiterdehnt, so daß er A11 es auf
Alles beziehbar macht. Er allein läßt jenes Denken, wie es im inner
sten Wesen ein beziehendes ist, zu einem wissenschaftlichen
werden. Nur vom Allzusammenhange lassen sich Beziehungen so ab
heben, um die Wirklichkeit einheitlich zu bewältigen; und bloß
vom Allzusammenhange lassen sich unwiederholbare Beziehungen
abheben. Er allein ist der Hort jener objektiven Bestimmtheit,
mit der die Idiographie steht und fällt. Denn nur er trägt das absolut
Unverwechselbare der Allheit in sich.
Als das Schrankenlose aber könnte der Allzusammenhang zur Basis
der Bestimmtheit jedes Einzelnen gar nicht werden. Dazu muß er
erst eine Reduktion erfahren, ohne aufzuhören, das absolut Unver
wechselbare zu sein. Wie geht diese Reduktion vor sich, was bringt
uns im geographischen Vorstellungskreise dazu, das Erdrund als jene
Basis zu wählen? Hier sind wir problematischen Voraussetzungen
unseres Verfahrens begegnet; hier und noch an einer zweiten Stelle,
Des Wirklichen nämlich wird das idiographische Denken stets nach
dem Schema eines Allgemeinbegriffes Herr; obwohl nun solcher
Schemata für jeden Blick in die Wirklichkeit, um sie begrifflich zu
bewältigen, gar viele zur Hand liegen, greifen wir doch nur ganz be
stimmte für diesen Zweck heraus. Im Enderfolg ist diese Wahl des
Schemas eine Auswahl, die wir unter dem unendlich Mannigfaltigen
vornehmen, das die Wirklichkeit vor uns ausbreitet. Problem ist hier
also ein Prinzip der Auswahl, gleichwie es bei jener ersten Ge
legenheit ein Prinzip der eindeutigen Umgrenzung des
Allzusammenhanges ist.
Scheinbar finden wir da und dort über den Zweifel hinaus, sobald
wir einfach unser Interesse am Besonderen ins Treffen führen.