Full text : Einführung in das Studium der Konjunktur

201  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Auch  in  anderen  Ländern  ist  man  dazu  gekommen,  solch  systematische ­
  Konjunkturuntersuchungen  mit  dem  ausgesprochenen  Zweck
einer  Konjunkturprognose  vorzunehmen.  Das  ist  vor  allem  in  den
Vereinigten  Staaten  und  in  England  in  sehr  tief  eindringender  Weise
geschehen.  In  den  Vereinigte^  Staaten  ist  an  der  Harvard-Universität
das  „Committee  of  Economic  Research“  geschaffen  worden,  das
seit  dem  Jahre  1917  solche  Untersuchungen  vornimmt  und  sie  in
wöchentlichen  Berichten  unter  dem  Titel  „Harvard  Economic  Service“ ­
  veröffentlicht.  Für  England  werden  entsprechende  Untersuchungen ­
  von  dem  „London  and  Cambridge  Economic  Service“  vorgenommen. ­
  Beide  Forschungsstellen  arbeiten  dabei  enge  zusammen.
Beide  Male  handelt  es  sich  darum,  möglichst  einwandfreie  Anhaltspunkte ­
  für  die  kommende  Konjunkturentwicklung  zu  gewinnen,
und  zwar  mit  dem  ausgesprochenen  Zwecke,  den  Praktikern  des
Wirtschaftslebens  die  Möglichkeit  zu  geben,  sich  auf  die  kommender ­
  Veränderungen  in  ihren  Dispositionen  einzurichten.  Die  amerikanische ­
  Forschungsstelle  vergleicht  dabei  drei  Entwicklungsreihen
miteinander:  1.  diejenigen  Tatsachen,  aus  denen  sich,  wie  aus  den
Bankguthaben,  dem  Umfang  der  lombardfähigen  Lagerbestände  bei
bestimmten  Unternehmungen,  den  Kursen  von  Wertpapieren  ein
Bild  von  den  Ansichten  und  Absichten  der  Geschäftswelt  geben
läßt,  2.  Tatsachen,  welche  den  Umfang  der  eigentlichen  Geschäftstätigkeit ­
  widerspiegeln,  wie  Warenpreise,  Roheisenerzeugung  und
Abrechnungsverkehr  der  Banken  und  3.  diejenigen  Erscheinungen,
welche  ein  Bild  der  Gestaltung  des  Geldmarktes  geben,  wie  die  Höhe
des  Wechseldiskonts,  der  Umfang  der  Bankkredite  und  Bankdepositen ­
  1 ).
Die  neuere  Konjunkturforschung  hat  als  Maßstab  der  Entwicklung
besonders  konjunkturempfindliche  Waren  ausgewählt.  Als  solche
betrachtet  das  Harvard-Institut  z.  B.  Baumwollsaatöl,  Koks,  Stabeisen,
Roheisen,  Rohseide,  Schlachtschweine,  Häute,  Kattun,  Leinen  und
Wollgarn.  Auch  das  Statistische  Reichsamt  untersucht  die  Preisbewegung ­
  solcher  besonders  konjunkturempfindlicher  Waren).  Freilich ­
  müssen  hierbei  diejenigen  Untersuchungen,  denen  es  nur  darauf
ankommt,  eine  bestimmte  Konjunkturentwicklung  zu  konstatieren,
scharf  von  denjenigen  geschieden  werden,  welche  auf  diese  Weise
eine  Konjunkturvoraussage  ermöglichen,  also  dem  Praktiker  des
Wirtschaftslebens  bestimmte  Anhaltspunkte  dafür  geben  wollen,  wie

!)  Vgl.  eingehender  darüber  den  instruktiven  Aufsatz  von  H.  D.  Brasch:
„Wirtschaftsberichte  und  Konjunkturvoraussage“  in  „Technik  und  Wirtschaft", ­
  17.  Jahrg.  1924.  S.  104.
2 )  Vgl.  dazu  „Wirtschaft  und  Statistik“.  4.  Jahrg.  1924.  S.  610.
            
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