Full text : Einführung in das Studium der Konjunktur

54  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

pflegen,  konnte  in  dieser  ganzen  Zeit  keine  Rede  sein.  Von  einer
volkswirtschaftlichen  Hochkonjunktur  wird  man  angesichts  dieser
Tatsachen  nicht  reden  dürfen.  Dem  gegenüber  sehen  wir  aber
dann  auf  der  anderen  Seite  die  zweifellos  äußerst  günstigen  Verhältnisse ­
  zahlreicher  Erwerbswirtschaften  während  dieser  ganzen
Periode.
Wenn  man  diesen  Gegensatz  ins  Auge  faßt,  dann  wird  man
ohne  weiteres  dazu  kommen  müssen,  in  dieser  sogenannten  Hochkonjunktur ­
  während  der  Kriegszeit  einen  ganz  besonderen  Konjunkturtyp ­
  zu  erblicken,  wie  es  ja  auch  bei  den  ganz  einzigartigen  Verhältnissen ­
  dieser  Periode  gar  nicht  anders  möglich  sein  konnte.  Man
wird  sagen  können,  daß  wir  während  dieser  Zeit  wohl  vielfach  eine
privatwirtschaftliche,  aber  keine  volkswirtschaftliche  Hochkonjunktur ­
  gehabt  haben.  Diese  Unterscheidung  bedarf  einiger  Erläuterungen:
Der  Ausdruck,  privatwirtschaftliche  Hochkonjunktur,  soll  nur
die  auf  der  Hand  liegende  Tatsache  ausdrücken,  daß  während  der
Kriegszeit,  von  einzelnen  Ausnahmen  abgesehen,  welche  aus  den
unmittelbaren  Kriegsverhältnissen  heraus  zu  erklären  sind,  die
privaten  Erwerbswirtschaften  durchaus  die  äußeren  Symptome  einer
Hochkonjunktur  nach  vielen  Richtungen  hin  aufwiesen,  ohne  daß
dabei  jedoch,  wie  bei  sonstigen  Hochkonjunkturen,  die  gesamte  Volkswirtschaft ­
  an  Wohlstand  und  innerer  Stärke  zugenommen  hätte.  Es
war  vielmehr  das  Gegenteil  der  Fall.
Es  ist  auch  nicht  schwer  zu  ersehen,  woher  und  warum  dieser
Widerspruch  gekommen  ist.  Es  konnte  dies  nur  deshalb  der  Fall  sein,
weil  ein  so  großer  Teil  der  Nachfrage  auf  dem  Gütermarkt  während
dieser  Zeit  sich  nicht  auf  Grund  einer  realen  Kaufkraft  vollzog,
d.  h.  nicht  dadurch,  daß  dieser  ganzen  Kaufkraft  jedes  Mal  eine  ententsprechende
  Verfügung  über  einen  bestimmten  Gütervorrat  zugrunde
gelegen  hätte.  Diese  Kaufkraft,  aus  welcher  sich  während  dieser
ganzen  Zeit  die  Nachfrage  auf  dem  Gütermarkt  zusammensetzte,
war  vielmehr  in  hohem  Maße  eine  künstlich  geschaffene,  eine  fiktive. ­
  Ohne  eine  entsprechende  Vermehrung  der  Güterproduktion
und  des  Gütervorrates  wurde  die  Kaufkraft  aus  Gründen,  die  wir
gleich  kennenlemen  werden,  künstlich  gesteigert.  Eine  Schaffung
solch  fiktiver  Kaufkraft  kann  in  verschiedenem  Umfange  eintreten.
In  geringem  Maße  zeigt  sich  eine  solche  als  Folge  einer  vermehrten
Kreditgewährung  durch  die  Banken  bei  jeder  Hochkonjunktur.
Während  des  Krieges  jedoch  hat  diese  fiktive  Kaufkraft  eine
ganz  besondere  Vermehrung  durch  die  Milliardenanleihen  des  Reiches
und  durch  die  starke  Vermehrung  des  Papiergeldumlaufes  erfahren.
Auf  diesem  Wege  hat  nicht  nur  das  Reich  selbst  künstlich  seine
            
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