Full text : Einführung in das Studium der Konjunktur

72  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablaut  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

Preisgesetz,  daß  der  Preis  durch  die  geringsten  Kosten  bestimmt
wird,  zu  denen  das  Angebot  erfolgt.  Dieser  Zusammenhang  hat  auch
für  die  Preisbildung  der  Fabrikate  auf  dem  Weltmärkte  volle  Geltung.
Unter  dem  Zwange  der  Reparationslasten  muß  Deutschland
Waren  ausführen,  muß  danach  trachten,  seine  Handelsbilanz  möglichst ­
  aktiv  zu  gestalten,  und  um  dieses  Ziel  zu  erreichen,  muß  es
auf  fremden  Märkten  billiger  anbieten  können,  als  seine  Konkurenten.
  Diese  Tatsache  ist  es  dann,  welche  in  diesen,  von  der  deutschen ­
  Konkurrenz  bedrängten  Staaten,  zu  Lohnherabsetzungen  und
zu  immer  wieder  von  neuem  erhöhten  Schutzzöllen  der  deutschen
Einfuhr  gegenüber  führte.  In  dem  Maße,  wie  jedoch  hierdurch  die
Ausfuhrmöglichkeit  für  die  deutsche  Industrie  zurückging,  wie  damit,
die  deutsche  Handelsbilanz  passiver  wurde,  mußte  dadurch  erneut
ein  ungünstiger  Einfluß  auf  die  Entwicklung  der  Markvaluta  ausgelöst
werden.  Damit  wurden  die  Lebensbedingungen  der  deutschen  Bevölkerung ­
  von  neuem  herabgesetzt  und  dadurch  wurde  das  wieder,
wenn  auch  nur  vorübergehend,  ausgeglichen,  was  das  Ausland,  ebenfalls ­
  nur  vorübergehend,  durch  Zölle  und  Lohnherabsetzungen,  zugunsten ­
  seiner  Wettbewerbsfähigkeit  erreicht  hatte.  Dann  konnte  das
Spiel  auf  einer  neuen  Basis  von  neuem  beginnen.  Wie  Mac  Kenna
es  in  den  oben  zitierten  Worten  ausgedrückt  hat:  „Soweit  aber  die
Konkurrenzstaaten  ihren  Stand  auf  den  neutralen  Märkten  behaupten
wollen,  sind  sie  gezwungen,  ebenfalls  ihren  Arbeitslohn  und  Profit
herabzusetzen.“
Auch  die  Gestaltung  und  Entwicklung  der  weltwirtschaftlichen
Beziehungen  ist  eben  nicht  allein  eine  Sache  des  Willens,  ist  keine
Sache  einer  richtigen  Politik,  sondern  in  erster  Linie  eine  Sache
des  wirtschaftlichen  Könnens.  „Es  gab  eine  Zeit,  vor  allem  auch
in  Deutschland,  in  der  man,  besonders  unter  dem  Einfluß  der
klassischen  Nationalökonomie,  die  Auffassung  vertreten  hat,  daß
die  Zusammenhänge  des  wirtschaftlichen  und  sozialen  Lebens  gewissermaßen ­
  naturgesetzlich  bestimmt  seien.  Wir  wissen  heute,
daß  eine  solche  Auffassung  nicht  zutreffend  ist.  Die  heutige  Generation ­
  ist  aber  in  den  entgegengesetzten  Fehler  verfallen.  Für  sie
ist  im  allgemeinen  die  Gestaltung  der  gesellschaftlichen  und  wirtschaftlichen ­
  Verhältnisse  eine  Sache  des  Willens,  eine  Sache  der
richtigen  Politik,  keine  Sache  des  Könnens.  Es  ist  kein  Zweifel,
daß  auch  in  dieser  Hinsicht  der  zielbewußte  Wille  sehr  viel  erreichen
kann,  auch  der  Wille  der  Gesamtheit,  wie  er  im  Staate  organisiert
ist.  Es  ist  aber  auch  sicher,  daß  diesem  Willen  Grenzen  gezogen
sind,  vielleicht  engere  Grenzen,  als  man  vielfach  annimmt,  daß  an
            
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