Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

gewinnt  der  Interventionismus,  der  sich  noch  bei  Sismondi  nur  furchtsam
regte,  unter  dem  Drucke  der  Arbeiterfragen  eine  Kraft  und  eine  Ausdehnung, ­
  die  man  bis  dahin  niemals  gekannt  hatte,  und  verwandelt  sich  unter
dem  Namen  Staatssozialismus  in  eine  wirkliche  Doktrin.
Und  schließlich  erlebt  der  Sozialismus,  den  Reybaud  nach  1848  tot
gesagt  hatte,  seine  Auferstehung.  In  dem  1867  veröffentlichten  Kapital
von  Marx  findet  er  seinen  erschöpfendsten  und  mächtigsten  Ausdruck.
Er  stellt  sich  diesmal  nicht  lediglich  als  der  Ausdruck  warmherziger  Bestrebungen ­
  dar,  sondern  als  ein  neues,  wirklich  wissenschaftliches  System,
dessen  schneidende  Vorwürfe  die  Vertreter  der  klassischen  Nationalökonomie ­
  zum  erbitterten  Kampf  herausfordern,  und  das  sich  vermißt,
sie  mit  den  Waffen  zu  schlagen,  die  sie  selbst  geschmiedet  haben.
In  Wirklichkeit  ist  keine  dieser  neuen  Ideenströmungen  vollständig
neu.  Wir  sind  ihnen  schon  begegnet  und  haben  ihren  Ursprung  und  ihre
Wurzeln  im  zweiten  Buche  dieses  Werkes  dargelegt,  in  dem  wir  die  Gegner
der  Gründer  studierten.
Aber  zwischen  dem  Schicksal,  das  den  Doktrinen  vor  1848  beschieden
  war,  und  dem  der  Doktrinen,  die  uns  jetzt  beschäftigen  werden,
besteht  ein  sehr  bedeutsamer  Unterschied.  Trotz  der  Sympathien,  die
sie  umgaben,  standen  die  Gegner  der  Gründer  allein.  Ihre  Proteste  sind
fast  stets  individuell.  Sismondi  nicht  mehr  als  die  Saint-Simonisten,
Fourier  nicht  mehr  als  Owen,  Proudiion  oder  List  waren  imstande,
das  Vertrauen  der  öffentlichen  Meinung  in  den  Liberalismus  zu  erschüttern.
Aber  in  der  Periode,  die  jetzt  beginnt,  wenden  sich  im  Gegenteil  die  öffentliche ­
  Meinung  und  die  Parteien  mehr  und  mehr  diesen  neuen  Schulen  zu.
—  und  der  Liberalismus  wird  verlassen.
Allerdings  nicht  sofort.  Die  Ideen  der  meisten  dieser  Schulen  waren
schon  zwischen  1850  und  1875  formuliert  worden,  —  und  erst  das  letzte
Viertel  des  Jahrhunderts  sieht  ihren  Triumph.  Dieser  Triumph  ist  aber
darum  nicht  weniger  vollkommen.  In  Deutschland  nimmt  für  einige
Zeit  die  historische  Schule  fast  vollständig  den  Platz  der  klassischen
Schule  ein.  Der  Interventionismus  drängt  sich  seit  1880  beinahe
überall  der  Politik  der  Regierungen  auf.  Der  kollektivistische  Sozialismus ­
  erobert  stetig  wachsend  die  Arbeiterklassen  aller  industriellen
Länder  und  übt  einen  bemerkenswerten  Einfluß  auf  die  Politik  aus.  Der
christliche  Sozialismus  versteht  es,  in  allen  Konfessionen  immer
begeistertere  Anhänger  um  sich  zu  scharen.
Der  Fortschritt  dieser  neuen  Lehren  bezeichnet  daher  zur  gleichen
Zeit  den  Fall  der  klassischen  Nationalökonomie  und  den  Niedergang
des  Liberalismus.  Das  öffentliche  Interesse  wendet  sich  mehr  und  mehr
von  den  Ideen  der  „Gründer“  ab.  Und  da  es  auf  der  anderen  Seite  keinem
der  neuen  Systeme  gelingt,  sich  die  Vorherrschaft  zu  sichern,  kommt  es
zu  einer  Art  Zersplitterung  der  wirtschaftlichen  Gedanken,  die  viele  dazu
            
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