Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Mannesalter  und  das  Greisenalter  hindurch  geht.  Nichts  berechtigt  uns
zu  dem  Glauben,  daß  die  aufeinander  folgenden  Zustände,  die  eine  Nation
durchläuft,  der  Prototyp  sei,  dem  die  anderen  folgen  werden.  Höchstens
könnte  man  sagen,  daß  die  gleichen  Ereignisse,  die  sich  in  zwei  Nationen
einer  verwandten  Zivilisation  begeben,  analoge  Wirkungen  nach  sich
ziehen  werden.  So  hat  die  große  Industrie  in  den  meisten  der  westeuropäischen ­
  Gesellschaften  gleiche  Phänomene  hervorgerufen.  Es  folgt
aber  daraus  "nicht,  daß  man  hierin  ein  besonderes  Gesetz  sehen  müsse.
Es  ist  dies  einfach  die  Anwendung  des  Prinzips:  gleiche  Ursachen,  gleiche
Wirkungen.  Diese  Analogien  bleiben  stets  zu  zweifelhaft,  um  als  Gesetze
bezeichnet  zu  werden.  „Wahrscheinlich“,  sagt  Adolf  Wagner,  „übersteigt ­
  die  Aufgabe,  solche  Gesetze  oder  ein  solches  Gesetz  zu  finden,
selbst  wenn  sie  bestehen,  die  Leistungsfähigkeit  der  menschlichen
Geisteskräfte“ 1 ).  Wir  haben  weiter  oben  gesehen,  daß  Schmoller  selbst
in  dieser  Hinsicht  den  Skeptizismus  seines  Kollegen  teilt.
Bevor  wir  schließen,  müssen  wir  hier  eine  Bemerkung  einschieben  .  .  .
Zwischen  den  Ideen,  die  wir  eben  dargelegt  haben,  und  den  Gedanken
eines  Philosophen,  dessen  direkter  Einfluß  auf  die  ökonomische  Forschung
sehr  schwach,  fast  null,  gewesen  ist,  besteht  eine  höchst  auffallende  Analogie, ­
  und  wir  können  uns  nicht  versagen,  ihn  hier  zu  erwähnen:  es  ist  dies
Auguste  Comte.
Eigentümlicherweise  haben  die  ersten  Vertreter  der  historischen
Schule  ihn  nicht  gekannt.  Ebenso  wie  sie  Stuart  Mill  nicht  gekannt
haben,  haben  sie  auch  den  Cours  de  Philosophie  positive  von  Auguste
Comte,  der  doch  bereits  seit  1842  vollendet  war,  nicht  gelesen.  Und  doch
stellte  Comte  in  diesem  Werke  Gedanken  auf,  die  denen  Knies’  und
Hildebrand’s  sehr  verwandt  waren.  Diese  Verwandtschaft  ist  so  ausgeprägt, ­
  daß  positivistische  Volkswirtschaftler  wie  Ingram  und  H.  Denis
geglaubt  haben,  die  historischen  Bestrebungen  in  der  Nationalökonomie
mit  der  positivistischen  Philosophie  in  Verbindung  bringen  zu  können 1  2 ).
Die  drei  wesentlichen  Grundgedanken,  von  denen  wir  gesagt  haben,
daß  sie  die  Grundlage  der  Auffassung  der  Anhänger  der  historischen
Schule  bilden,  finden  sich  schon  bei  Auguste  Comte  ganz  klar  formuliert.
Der  erste  ist  die  Notwendigkeit,  die  wirtschaftlichen  Tatsachen  in  ihren
Beziehungen  zu  allen  anderen  Phänomenen  zu  untersuchen:  „Die  wirtschaftliche ­
  und  industrielle  Analyse  der  Gesellschaft“,  sagt  er 3 ),  „kann
nicht  in  positiver  Weise  durchgeführt  werden,  wenn  man  ihre  intellektuelle,
moralische  und  politische  Analyse,  sei  es  die  der  Vergangenheit  oder
die  der  Gegenwart,  beiseite  läßt.“  —  Der  zweite  ist  die  Anwendung  der
1 )  A.  Wagner,  Grundlegung,  Bd.  I,  Kap.  2,  §  90,  S.  239.
2 )  Vgl.  Ingram,  History  of  political  economy,  Kap.  IV  und  Denis,  Histoire
  des  syst&mes  6eonomiques  et  socialistes,  Bd.  I,  S.  34.
3 )  A.  Comte,  Cours  de  philosophie  positive,  Bd.  IV,  S.  198.
            
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