Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

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schränken,  allen  denen,  die  mit  Recht  die  elende  Lage  einer  immer  zahlreicheren ­
  Arbeiterklasse  mit  Sorge  erfüllte.  Ausschließlich  mit  diesen
sofortigen  Zielen  beschäftigt,  haben  die  Begründer  des  Staatssozialismus
hauptsächlich  die  Prinzipien  der  praktischen  Volkswirtschaftspolitik  bearbeitet, ­
  ohne  die  eigentliche  wirtschaftliche  Wissenschaft  besonders
zu  fördern  .  .  .  Jetzt  sehen  sie  sich  übrigens  ihrerseits  bedroht.
Das  allen  politischen  Lehren  gemeinsame  Los  erwartet  den  Staatssozialismus.
  Und  schon  jetzt  kann  man  sich  fragen,  ob  nicht  gerade  die  Vielfältigkeit ­
  der  Regierungseinmischungen  im  Begriff  ist,  bei  den  Verbrauchern
wie  bei  den  Unternehmern,  und  sogar  bei  den  Arbeitern,  ein  immer  wachsendes ­
  Mißtrauen  mit  Hinsicht  auf  die  wirtschaftlichen  Fähigkeiten  des
Staates  zu  erregen 1 ).
Auf  jeden  Fall  kann  man  eine  recht  charakteristische  Tatsache  bemerken. ­
  Während  im  19.  Jahrhundert  der  Sozialismus  alle  seine  Angriffe
gegen  den  Liberalismus  und  die  wirtschaftliche  Orthodoxie  richtete,  —
greift  im  Gegenteil  der  neo-marxistische  Syndikalismus  fast  ausschließlich
die  Staatssozialisten  an.  Sorel  hat  auf  die  engen  gedanklichen  Bande
hingewiesen,  die  den  Marxismus  mit  dem  Manchestertum  verbinden.  Er
stimmt  sogar  in  mehr  als  einem  Punkte  mit  einem  „Liberisten“  wie
Pa  re  to  überein;  dagegen  findet  er  keine  Ausdrücke,  die  ihm  kräftig
genug  erscheinen,  um  die  Vertreter  des  „sozialen  Friedens“  und  des  Interventionismus ­
  zu  bekämpfen,  die  ihm  als  die  Verführer  der  Arbeiterklasse
erscheinen.  Zur  gleichen  Zeit  haben  die  Gewerkschaftler  —  wenigstens
viele  unter  ihnen  —  mehr  als  einmal  ihr  Mißtrauen  gegen  den  Staat  kundgegeben ­
  und  energisch  Gesetzesvorschläge  zurückgewiesen,  die  in  ihrem
Interesse  eingebracht  waren,  wie  zum  Beispiel  das  Gesetz  über  Arbeiterpensionen. ­
  Wahrscheinlich  muß  diese  Haltung  dem  Einfluß  anarchistischer ­
  Ideen  auf  die  Führer  der  Gewerkschaftsbewegung  in  Frankreich
zugeschrieben  werden.
Das  Zusammenfallen  dieser  doppelten  Ideenströmung  —  neo-marxistisch ­
  und  anarchistisch  ,—  die  die  französische  Arbeiterklasse  dem  Staatssozialismus ­
  abwendig  macht,  ist  eine  interessante  Tatsache,  deren  politische ­
  Folgen  leicht  sehr  beträchtlich  werden  können 2 ).

l )  Der  Krieg  hat  einen  Staatssozialismus  notwendig  gemacht,  wie  man  ihn  vorher
n *e  gekannt  hatte.  Aber  wir  glauben  nicht,  daß  diese  Erfahrung  geeignet  ist,  ihm  Sympathien ­
  zu  erwerben.  Es  ist  für  jedermann  offenkundig  geworden,  daß  es  der  Regierung
unmöglich  ist  (selbst  wenn  sie  durch  den  unerschöpflichen  patriotischen  guten  Willen
der  Öffentlichkeit  gestützt  wird)  die  Erzeugung,  die  Verteilung  und  die  Preise  zu  regulieren.
  Das  System  ist  nur  durch  die  Notenausgabe  unter  Hochdruck  und  den  daraus
folgenden  Scheinreichtum  möglich  geworden.  .
*)  Wir  bedauern,  daß  es  uns  nicht  möglich  gewesen  ist,  weder  m  diesem  noch
dem  vorhergehenden  Kapitel  einen  hervorragenden  deutschen  Nationalökonomen  zu
erwähnen,  der  aber  ebensowenig  der  historischen  Schule  wie  dem  Staatssozialismus
angehört;  es  ist  das  der  Göttinger  Professor  Lexis.  Er  hat  Arbeiten  über  die  ver-
            
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