Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Diesem  Gedankengange  scheint  die  Idee  zugrunde  zu  liegen,  daß|
die  Einkünfte  der  landwirtschaftlichen  und  industriellen  Klassen  nicht  ei»' 1
geschränkt  werden  können,  weil  sie  nur  das  unumgängliche  notwendige
Minimum  der  Produktionskosten  vorstellen.  Folglich  scheint  auch  scho»
jenes  Gesetz  des  Lohnes,  das  man  später  das  eherne  Lohngesetz  genannt
hat,  in  ihm  enthalten  zu  sein.  Sicherlich  kennt  jeder  die  erbarmungslos«
Formel,  in  welche  Turgot  dieses  Gesetz  gefaßt  hat,  ohne  übrigens  damit
zuzugeben,  es  rechtfertigen  zu  wollen 1 ).  Aber  vor  ihm  hat  schon  QuesnaV
in  nicht  weniger  klaren,  wenn  auch  weniger  bekannten  Worten  gesagt 1
„Man  wird  vergeblich  dem  entgegenhalten,  daß  die  Lohnempfängern
indem  sie  ihren  Verbrauch  einschränken  und  sich  Genüsse  versagen,  di«
Steuern  zahlen  könnten,  die  man  von  ihnen  verlangt,  ohne  daß  diesej
Steuer  zuletzt  auf  die  ersten  Austeiler  der  Ausgaben  zurückfallen  würde  .  ■  I
aber  die  Höhe  des  Lohnes  und  folglich  auch  die  Genüssen
die  die  Lohnempfänger  sich  verschaffen  können,  siiP
durch  die  scharfe  Konkurrenz,  die  sie  sich  unterein':
ander  machen,  genau  bestimmt  und  auf  das  Geringste
beschränkt 2 ).  Es  ist  ganz  charakteristisch,  daß  der  Erfinder  der  natün
liehen  Ordnung  ohne  Erstaunen  und  als  etwas  Natürliches,  d.  h.  Übel'
einstimmendes  mit  dieser  natürlichen  Ordnung  zugibt,  daß  die  Arbeitelf
nur  gerade  das  zum  Leben  Notwendigste  haben!
Auch  ist  es  bemerkenswert,  daß  die  Physiokraten,  wenn  sie  die  ind»'
strielle  Klasse  in  Bausch  und  Bogen  betrachten,  nur  die  Lohnempfänger
im  Auge  haben  und  die  Unternehmer  ganz  außer  acht  lassen,  deren  Profit?
doch  schon  zu  ihrer  Zeit  groß  und  wohl  einsehränkbar  war.  Hier  hätte’!
sie  der  reiche  Finanzier  Voltaire’s  in  Verlegenheit  bringen  können,  den"
es  würde  ihnen  Mühe  gekostet  haben,  darzulegen,  daß  dieser  seinen  VeJ"
brauch  nicht  ohne  Schädigung  der  Produktion  hätte  einschränken  könne»'  •
Wahrscheinlich  würden  sie  aber  geantwortet  haben,  daß,  da  dieser  Finanz^ 1
es  verstanden  habe,  vom  Staat  und  von  seinen  Mitbürgern  400000  E*
zu  erschwindeln,  es  ihm  ein  Kinderspiel  gewesen  wäre,  sich  den  Betrag
1)  „Bei  jeder  Arbeit  muß  es  zutreffen  und  trifft  es  auch  tatsächlich  zu,  daß  d el j
Lohn  des  Arbeiters  sich  auf  das  beschränkt,  was  zum  Erwerb  seiner  Unterhaltsmitf
ausreicht“  (Rßflexions  sur  la  formation  des  richesses,  §  VI).  Es  ist  aber  immer!»«  j
möglich,  daß  ebenso,  wie  Christus,  als  er  sagte:  „Denn  Arme  habt  ihr  allezeit  bei  euch  j
auch  Türgot  nicht  ein  allgemeingültiges  Gesetz,  sondern  nur  den  gerade  bestehend« 11  j
Zustand  im  Auge  hatte.
2 )  Zweites  wirtschaftliches  Problem,  S.  134.  Quesnay  fährt  in  seine 11, |
Gedankengang  in  merkwürdiger  Weise  fort.  Er  nimmt  nicht  an,  daß  die  Lohnver© 1 »  i
derung  unter  das  Existenzminimum  den  Tod  einer  großen  Anzahl  von  Menschen  herb« 1 'j
führen  werde,  sondern  nur  „ihre  Auswanderung  zu  anderen  Völkern“  —  eine  zu  sei»^
Zeit,  man  sollte  denken,  recht  optimistische  Auffassung  —  und  daß  diese  Auswander» 11 “
durch  Verminderung  der  verfügbaren  Arbeitskräfte,  als  Folge  eine  Lohnerhöh» 11 “
herbeiführen  würde.
            
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