Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Schlußwort.

tungen  einschlagen  wollten.  Und  doch  trennen  sie  sich  nicht  gänzlich.
Denn  in  dem  Maße  wie  sie  sich  voneinander  entfernen  sieht  man  zwischen
ihnen  ein  gemeinsames  Gewebe  sich  entfalten,  das  ein  Band  unter  ihnen
schafft,  eine  neue  Einheit,  ebenso  —  wenn  nicht  mehr  —  widerstandskräftig ­
  wie  die  scheinbare  Einheit,  die  am  Griff  sich  aus  dem  Übereinanderliegen ­
  der  Rippen  ergibt.
So  erscheint  die  Volkswirtschaft  bei  den  Physiokraten  und  noch
mehr  bei  Adam  Smith  als  ein  festgefügtes  Lehrgebäude  von  edler  Einfachheit. ­
  Ein  Bück  gestattet,  das  Ganze  zu  umfassen.  Doch  die  Zeit
vergeht.  Die  Wissenschaft  schreitet  fort  und  man  wird  gewahr,  daß  die
Einheit  des  Anfangs  mehr  scheinbar  als  wirklich  ist.  Die  sich  oft  widersprechenden ­
  Theorien,  die  Smith  zu  vereinigen  gewußt  hatte,  erzeugen
neue  Gedankenströmungen  die  in  immer  schärferen  Gegensatz  zueinander ­
  treten,  in  dem  Maße  wie  sie  sich  zu  immer  größerer  Unabhängigkeit
entwickeln.  Verschiedene  Theorien  der  Güterverteilung  und  des  Wertes,
die  historische  und  die  abstrakte  Methode,  Liberalismus  und  Sozialismus,
—  ebenso  viele  Auffassungen,  die  eine  jede  ihren  Weg  mit  verschiedenem
Glück  und  durch  zahlreiche  Verkörperungen  hindurch  verfolgen.  Zu
ihrer  Verteidigung  umgibt  sich  jedoch  eine  Jede  mit  einem  Netz  von  Beobachtungen ­
  und  Tatsachen,  bringt  ihren  eigenen  Beitrag  an  neuen  Wahrheiten ­
  und  nützlichen  Bemerkungen,  —  und  so  bildet  sich  nach  und  nach
um  jeden  bedeutenden  Mittelpunkt  wirtschaftlicher  Gedanken  ein  Gewebe,
das  mehr  und  mehr  widerstandsfähig,  mehr  und  mehr  ausgedehnt  wird,
das  eine  Art  gemeinsamer  wissenschaftlicher  Grundlage  bildet,  unter  dem
man  noch  die  Hauptzüge  der  großen  Systeme  durchschimmern  sieht.  Und
weiter,  von  einem  gewissen  Augenblick  an,  sind  es  nicht  mehr  die  Strahlen
des  Fächers,  die  den  Blick  auf  sich  ziehen,  sondern  das  gemeinsame  Gewebe, ­
  in  dem  nach  dem  Rande  zu  alle  Strahlen  sich  verlieren  und  verschwinden, ­
  nämlich  die  Gesamtheit  der  erworbenen  Wahrheiten,  die  das
bleibende  Ergebnis  der  Systeme  vorstellen.  Nur  das  wollen  wir  heute
betrachten.
Das  Ergebnis  so  vieler  Diskussionen  und  Polemiken  ist  daher  die
Errichtung  eines  wirküch  gemeinsamen  Reiches,  in  dem,  was  auch  immer
ihre  sozialen  und  politischen  Hoffnungen  sein  mögen,  die  Nationalökonomen ­
  sich  treffen  können.  Dieses  Reich  ist  das  der  eigentlichen  volkswirtschaftlichen ­
  Wissenschaft,  der  Wissenschaft,  die  sich  nicht  darum  sorgt,
vorzuschreiben,  was  sein  soll,  sondern  einfach,  das  zu  erklären  und  zu
verstehen,  was  ist.  Die  Überlegenheit  einer  Theorie  mißt  sich  einzig  an
ihrem  erklärenden  Wert.  Es  ist  von  geringer  Bedeutung,  ob  man  dann
in  der  Praxis  Interventionist  oder  liberal,  Protektionist  öder  Freihändler,
Soziaüst  oder  Individuaüst  sei:  jeder  wahrhaftige  Geist  beugt  sich  notwendigerweise ­
  vor  einer  genauen  Beobachtung  oder  einer  befriedigenden
Erklärung.
            
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