Full text: Die deutsche Wirtschaft

Die wirtschaftliche Einstellung der Rechtspflege. 485 
gibt für das Verständnis der Beziehungen von Recht und Wirtschaft das 
richtige Maß. In Utopien, wo die wirtschaftlichen Verhältnisse der 
Menschheit ideal geregelt sind, so daß Reibungen ausgeschlossen er- 
scheinen, braucht es sinngemäß weder Richter noch Gerichte zu geben; 
sie haben sich wohlgefällig in Verwaltungsorgane aufgelöst. 
Mit dem Steigen der Kultur weitet sich auch das wirtschaftliche 
Moment: „Der Appetit wächst mit dem Essen.‘ Bald sind es auch die 
geistigen Bedürfnisse, zu deren Befriedigung die Wirtschaft dienen muß: 
denn sie sind fast stets mit materiellen Grundlagen verknüpft. Das 
Wesen der Wirtschaft erfährt aber auch gleichzeitig eine Einschnürung 
nach der Richtung, daß dem Gedanken des individualistischen Egois- 
mus der soziale Gemeinschaftsgedanke entgegentritt. 
Zunächst nur als korrektiver Faktor; blind vorwärtsstürmende Rich- 
tungen wollen ihn allerdings als Hauptelement einstellen (Sozialismus, 
Kommunismus), Der Sozialgedanke als solcher ist ein natürlicher 
Sproß der Wirtschaft, Er ist nicht neu. Im Gebiete der Religionen 
nimmt er in Gestalt der Nächstenliebe einen breiten Raum ein. In 
dieser Form wurzelt er aber im Transzendenten und hat die Gestaltung 
der Wirtschaft kaum jemals tatkräftig befruchtet, Das Samenkorn liegt 
vielmehr im wirtschaftlichen Fühlen und Denken selbst und sprießt 
unter dem Licht des Rechtsgedankens auf. Die Gerechtigkeit 
weitet sich zur Billigkeit und legt der schrankenlosen Auswirkung des 
Egoismus die ersten Fesseln an, wenn sich das Billigkeitsempfinden da- 
gegen sträubt, daß es zu einer untragbaren wirtschaftlichen Besser- 
stellung des einzelnen auf Kosten des anderen kommt: ein 
bedeutsames Merkzeichen für die Art der Verknüpfung der Wirtschaft 
mit dem Recht! 
Vom Zweck und den Zielen einer Sache lassen sich deren Formen 
nicht trennen; sie gehören zusammen wie Seele und Leib. Auch im 
Wirtschaftswesen tritt das deutlich hervor. 
Ein Blick auf die moderne Wirtschaft zeigt, daß sie den Bedürf- 
nissen einer stark angewachsenen und räumlich eng zusammengeführten 
Bevölkerung genügen muß und im Zeichen der Errungenschaften der 
Technik und der Naturwissenschaften steht. In der 
Überwindung von Raum und Zeit zeigen sich hervorstechende Seiten. 
Mehr noch in der starken und innigen wirtschaftlichen Ineinanderver- 
flechtung der verschiedenen Wirtschaftsgebiete, der Betriebe und der 
Individuen, Aus der Volkswirtschaft kommt es zur W elt wirt- 
schaft, Das Technische hat im modernen Wirtschaftsleben einen un- 
geahnten Raum gewonnen. Es hat den Gedanken der Typisierung ge- 
boren. Das Streben herrscht vor, alle in feste, bestimmte Formen zu 
bringen, Insbesondere ist es aber der Rhythmus des wirtschaftlichen
	        
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