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VH. Kap.: Selbfthilfe
Siebtes Kapitel
Selbsthilfe
„hilf dir felbft, fo hilft dir Gott! — Selbfthilfe!“ Das ift die Lofung, die
feit einem halben Jahrhundert an das Ohr der Arbeiterfchaft Klingt und
ihr die Kraft gab, auf der fozialen Stufenleiter langfam emporzufteigen.
In die tiefen Schichten der Heimarbeiter drang fie lange Zeit nicht hinab.
Sie lebten zu verborgen, weit abfeits von der grofzen Heerftrafze, auf der die
Arbeiterbewegung rüftig voranmarfchierte. Höchftens tauchten einige Ge-
noffenfchaftsbildungen auf, die aber meift wenig Beftand hatten. Erft ver
hältnismäßig fpät wurden auch die Heimarbeiter aufgerüttelt zur Selbfthilfe.
Die anfänglich wenig ausfichtsvoll Scheinenden Verfuche haben nunmehr
den Erfolg gezeitigt, dafz eine Anzahl von Männern und Frauen aus der Heim
arbeit in gefchloffenen Reihen zufammenftehen, um mutig für das Standes
wohl einzutreten.
§ 1. Gewerkvereine
Wenn die Organifationsbeftrebungen bei den Heimarbeitern nicht fo gün-
ftigen Boden gefunden haben wie in den Fabriken und Werkftätten, fo liegt
das daran, dafz die Heimarbeiter nicht im felben Maße organifations f ä h ig
find wie ihre Berufsgenoffen aus der Fabrik. 1 ) Die pfychifche Vorausfetzung
für jeden organifatorifchen Zufammenfchluß ift ein gewiffes Standes
bewußtfein und Solidaritätsgefühl. Solange aber die Heim
arbeiter nur die allernotwendigfte, allergeringfte technifche Ausbildung be-
fitzen, folange fie vorwiegend minderwertige Maffenartikel herftellen und
von dem Werte ihrer Arbeit gar nicht überzeugt fein können, ift an Standes
bewußtfein und Standesftolz nicht zu denken. Und folange fie faft ifoliert
daftehen und von dem ganzen Betrieb, dem fie eingegliedert find, nur den Aus
geber der Arbeit, den Zwifchenmeifter, kennen, und folange wegen der oft
unerträglich drückenden Lage der einzelne nur darauf bedacht ift, den aller -
notwendigften Lebensunterhalt und Arbeitsaufträge zu erhalten und daher
l ) Vgl. Anna Schmidt, Heimarbeit und Lohnfrage, Jena 1909-