fullscreen : Antike Wirtschaftsgeschichte

58  Viertes  Kapitel.  Das  griechische  Wirtschaftssystem.
nicht  groß  angelegte  Wirtschaftsunternehmungen  gekannt  hätten,
sondern  weil  sich  die  Theoretiker  vielfach  für  verpflichtet  hielten,
archaisch  zu  sein  und  von  der  Hauswirtschaft,  die  keinen  ernst
denkenden  Menschen,  der  Geld  verdienen  wollte,  damals  interessierte, ­
  zu  flöten,  wie  etwa  das  18.  Jahrhundert  vom  Naturzustand, ­
  von  dem  es  wohl  ebensoweit  entfernt  war.  Diese  Literatur, ­
  die  besonders  am  Ende  unserer  Epoche  sich  ausbildete,  hat
die  Wirtschaftsverhältnisse  nicht  in  erheblicher  Weise  beeinflußt,
sondern  ist  meist  das  Spezialgebiet  von  einigen  Sonderlingen
geblieben,  die  aneinander  platte  Kritik  übten,  wie  man  dies  aus
der  Schrift  des  Philodemus  über  die  Haushaltungskunst  zur  Genüge ­
  ersehen  kann.  Eine  wirtschaftliche  Reform  mußte  aber  in
dieser  Zeit  in  erster  Reihe  auf  die  weiten  Kreise  der  Bevölkerung
Rücksicht  nehmen,  die  durch  Handel  und  Industrie  ihr  Brot  fanden.
Soweit  man  den  neuen  Gedanken  Rechnung  trug,  wurden  die
überkommenen  Anschauungen  nicht  weiter  respektiert,  und  es  setzten
sich  z.  B.  viele  in  Athen  dafür  ein,  daß  man  die  Fremden,  die
zugelassen  wurden,  die  Metöken,  welche  dem  Staat  durch  ihre  Abgaben ­
  viel  einbrachten,  möglichst  gut  behandle,  soweit  dadurch
nicht  dem  athenischen  Ureinwohner  sein  Recht  gekürzt  wurde.  Man
setzte  sich  sogar  gelegentlich  dafür  ein,  daß  sie  vom  Kriegsdienst
befreit  sein  sollten,  damit  sie,  die  so  treffliche  Steuerzahler  waren,
nicht  in  ihrem  Erwerbsleben  gestört  würden,  freilich  meinte  der
gleiche  Autor,  der  dafür  eintrat,  die  Ehre  der  Metöken  nicht  zu
kränken,  man  solle  ihnen  deshalb  das  Schwert  nicht  anvertrauen,
damit  nicht  „Lyder,  Phryger,  Syrer  und  dergleichen  Fremdländische"
die  Schlachten  schlagen,  was  für  die  Bürger  allein  zu  tun  weit
ehrenvoller  sei  (Xenophon,  Von  den  Staatseinnahmen  der  Athener
II,  4).  Soweit  man  aber,  um  der  Hebung  der  Industrie  und
des  Handels  willen,  auf  eine  gute  Population  sah,  kann  man  diese
Tendenz  mit  jener  der  Merkantilisten  vergleichen,  die  auch  sehr
darauf  bedacht  waren,  arbeitsame  und  steuerkräftige  Leute  ins  Land
zu  bekommen  (Diodor  XI,  43).  Aber  die  Demokratie  hatte  nicht
die  Selbstüberwindung,  diesen  Menschen  ebenfalls  die  vollen
Bürgerrechte  zu  gewähren,  sondern  war  bald  gar  ängstlich  darauf
bedacht,  alle  diese  Förderer  des  Staatswohlstandes  von  Getreidespenden ­
  und  sonstigen  Benefizien  fernzuhalten  und  die  Eintragung
in  die  Bürgerlisten  zu  verhindern.  Sehr  kosmopolitisch  war  die
athenische  Demokratie  nie,  wie  denn  überhaupt  demokratische
Gruppen  meist  nur  in  der  Opposition  kosmopolitisch  gestimmt  sind
            
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