logie von Florensky und Bulgakow eine zentrale Rolle spielt. Die
Menschheit und durch sie die ganze Welt ist „das werdende Absolute“,
„der werdende Gott“, im Unterschiede vom und zugleich in engster
Beziehung zum „seienden Absoluten“. Die Bestimmung der Menschheit
ist, die Sophia in sich zu verkörpern und dadurch sich mit dem
Gottmenschen Christus zu vereinigen. Die ganze Menschheitsgeschichte
ist eben ein „gottmenschlicher Prozeß“ solch einer Weltverklärung.
In diesem allgemeinen Rahmen werden die mannigfaltigsten Gedanken
entwickelt, die Erkenntnistheorie, Ontologie, Geschichtsphilosophie,
Ethik und Ästhetik umfassen. Das ganze mündet doch in eine Geschichtsphilosophie
ein, in die Schilderung der geschichtlichen Entwicklung,
durch die die Menschheit gerettet und die ganze Welt verklärt
wird. In dieser Geschichtsauffassung mischen sich bei Solowjew
in eigentümlicher Weise „slawophile“ und „westlerische“ Gedanken
untereinander. Vom universalistischen Geiste durchdrungen,
sehnt er sich nach einer Wiedervereinigung der beiden großen christlichen
Kirchen (auch im persönlichen Glauben neigt er zum Katholizismus)
und damit zugleich zu einer Synthese der westlichen und östlichen
Kultur; er glaubt auch in echt „westlerischen‘“ Weise an den
Fortschritt; und der westliche Humanismus, der dem Osten fehlt, erscheint
ihm als eine echt christliche Richtung. Das „Menschliche“ des
Westens muß mit dem „Göttlichen“ des Ostens wiedervereinigt werden,
damit ein wahres Gottmenschentum entstehe. Andererseits ist Solowjew
in seiner organischen Weltanschauung, die auch bei ihm zu einer
scharfen Kritik des Rationalismus, der individualistischen Zersplitterung
des Lebensganzen, des mechanischen, auf „abstrakten Prinzipien“
und kaltem, sachlichem Verkehre aufgebauten Lebensgefüge der westlichen
Welt führt, den Slawophilen besonders nahe verwandt; und
er war es eigentlich, der dieser, in der Mitte des 19. Jahrhunderts
vergessenen Weltanschauung zu einer Wiedergeburt verhalf. In seinen
letzten Jahren kommt auch Solowjew zu einer pessimistischen Weltanschauung,
verwirft seinen Lieblingsgedanken von einer stetigen,
fortschrittlichen Christianisierung und Vergöttlichung der Menschheit
und ahnt (in seinem letzten Werke, den „drei Gesprächen“) den nahe
bevorstehenden Weltuntergang und die ihm vohergehende Ausbreitung
der Macht des Bösen.
Solowjews glänzende und doch in gewissen Hinsichten jugendlichunreife
Gestalt war eine Übergangserscheinung. Unter seiner Kinwirkung
oder in unmittelbarer Berührung mit ihm entstand in den
80—90er Jahren des 19. Jahrhunderts eine mächtige, geistige Strömung,
die bis zu unseren Tagen fortdauert und eine national-russische religionsphilosophische
Richtung bildet. Fast gleichzeitig mit Solowjew,
wirkte der merkwürdige, geistig wiederum ganz urwüchsige Schriftsteller
W. Rosanorm, in dessen religiösem Lebensgefühl das heidnisch-38