Die ZIdeenlehre, — Malebranche.
ordnung und Wertunterscheidung des Erkennens umkehrt. Das
innere Zeugnis des „Bewusstseins“ darf nicht zum Bürgen und
Maassstab des Wissens gemacht werden. Was uns des Seins
unserer Seele versichert, ist nur eine erste unbestimmte und ver-
worrene Empfindung, die jedem Versuch, sie in der Sprache
listinkter Wissenschaft auszudrücken, sie in reine Beziehungen
und Gesetze des Denkens zu fassen, widerstrebt. Echie Erkenntnis
ist lediglich dort vorhanden, wo aus bestimmten Definitionen der
gesamte abgeleitete Inhalt in streng notwendiger Verknüpfung de-
duktiv erschlossen wird.‘ Im Gebiet der psychischen Erscheinun-
zen aber ist uns dieser Weg versagt: denn von unserm eigenen
Selbst besitzen wir keine allgemeine „Idee“, die wir zu Grunde
ıegen und aus der wir seine besonderen Eigentümlichkeiten folgern
könnten.) Was uns hier gegeben ist, sind vielmehr lediglich die
besonderen Zustände und Bestimmungen, die sich für das Be-
wusstsein zur Einheit eines „Ich“ zusammenschliessen, das uns
indessen einzig als dieser Zusammenhang selbst, nicht als ein
2igener und abgegrenzter Inhalt bekannt wird. Wenn wir somit
auch der Existenz der Seele früher und unmittelbarer als der
des Körpers gewiss werden, so gilt dennoch von der Erkenntnis
ihrer Natur das Umgekehrte. Wir verstehen die Körper ihrer
empirischen Beschaffenheit nach, indem wir sie in mathematische
Beziehungen, in zahlenmässige Verhältnisse auflösen. Alle Eigen-
tümlichkeiten der Körperwelt werden uns vollständig durchsichtig
und deutlich, sobald wir uns einmal ihrer quantitativen Grund-
geseize versichert haben, sobald wir dazu gelangt sind, die mannig-
lachen Bestimmtheiten der Empfindung in reinen Grössenunter-
schieden auszusprechen und festzuhalten. Diese Möglichkeit der
Objektivierung aber erstreckt sich allein auf den Inhalt des
Bewussiseins, nicht auf die Art und den Vorgang, vermöge dessen
wir ihn denken. „Wenn ich begreife, dass 2 X 9 ... 4 ist, so er-
{asse ich diese Wahrheit mit völliger Klarheit, aber ich erkenne
nicht klar jenes Etwas in mir, das sie begreift“, Zwar mögen wir
die einzelnen Akte des Bewusstseins von einander abgrenzen, wir
mögen sie in diesem Sinne selbst mit einander vergleichen und
abzählen: immer bleibt es doch nur ein unbestimmter Begriff
der Mehrheit, den wir hier zur Anwendung bringen, nicht der
2xakte Begriff der Quantität. Die Grundeinheit, die durch ihre