Full text: Die Heimarbeit im Kriege

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privaten Arbortsmarktes, die bereits nach den ersten großen Siegen 
zu verzeichnen war, setzte nicht überall gleichmäßig ein. Der Löwen 
anteil an den Heereslieferungen kam der Konfektion zugute, aber 
auch die Korbmacherei, Sattlerei und Schuhmacherei, Tabak- und 
Kleineisenindustrie erfreuten sich erheblicher Aufträge. Andere 
Gewerbe konnten sich auf verwandte Arbeiten legen; so fertigten 
z. B. die Nürnberger Spielwavenheimarbeiterinnen Fliegerpfeile, 
die Offenbacher Portefeuiller Sattlerwaren. Am schlimmsten wur 
den die Ausfuhr- und Luxusgewetbe getroffen, wie die Thüringer 
und Erzgebirger Spielwaren-, Glas- und Christbaumschmuckindu 
strie, zahlreiche Zioeige des Webstoffgewerbes, die Stickerei-, Spitzen-, 
Perl- und Posamentenindustrie. 
Indes auch da, ivo die Zahl der beschäftigten Heimarbeiter auf 
einen flotten Geschäftsgang deutete, war das Verhältnis von Ange 
bot und Nachfrage siir die Arbeitsuchenden ungünstig infolge des 
gewaltigen Einströmens neuer Kräfte auf den Heimarbeitsmarkt. 
Den vielen Frauen und Mädchen, die durch den Krieg aus ihrer 
gewohnten Lage geworfen waren und die sich gezwungen sahen, 
neben den häuslichen Pflichten, die sie bis dahin ausgefüllt hatten, 
Erwerbsarbeit zu treiben, erschien die Heimarbeit als der letzte Ret 
tungsanker. Hinzu kamen jene, die ihre bisherige Arbeit verloren 
hatten, vom Dienstmädchen und der Fabrikarbeiterin, von der Ver 
käuferin «und Kontoristin bis zur Schauspielerin, Privatlehrerin 
und Künstlerin. Die Heiinarbeit war geradezu ein Sammelbecken 
all solcher Existenzen, und die Folge davon war, daß trotz der um 
fangreichen .Heeresaufträge und trotz des sich belebenden Marktes 
für den Zivilbedarf überall eine starke Nachfrage nach .Heimarbeit 
herrschte. 
Ernster wurden die Verhältnisse, als die Rohstoffversorgung 
zunehmende Schwierigkeiten machte, beginnend mit dem Webstoff 
gewerbe, nach einigen Monaten sich fortpflanzend auf die Konfek 
tion. Anstelle der akuten Krise im August 1914 trat eine schlei 
chende Depression, die sich in manchen Bezirken schon im Herbst 
1916, anderwärts erst später geltend machte, zusammenfallend mit 
einem beträchtlichen Rückgang der Heeresaufträge.
	        
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