Full text: Gesellschaftslehre

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26 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
fisch sozialer Trieb; nur sie segt voraus und seßt freilich als not- 
wendig voraus, daß Mitmenschen nicht nur anwesend sind, sondern auch 
in einer inneren Verbindung mit dem Träger unseres Triebes stehen, so- 
fern ihnen ja ausdrücklich ein Recht zuerkannt wird, über seinen Wert 
oder Unwert zu entscheiden. Die erste Form dagegen gehört zu den 
außersozialen Trieben. Und zwar kann dieser außersoziale Trieb 
in seiner allgemeinen Form zurückgeführt werden auf das Motiv der 
Freude am Können und Ursachesein — ein Motiv, das auch jede Arbeit 
würzen kann, insbesondere jede technische Leistung und jede physische 
Anstrengung, deren Früchte wir vor Augen sehen. Es gibt in diesem 
Sinne ein elementares Kraft- und Machtgefühl, das dem Men- 
schen als organischem Wesen eigen ist unabhängig von allen sozialen Be- 
ziehungen, in der Literatur wohl als vitalesSelbstbewußtsein 
bezeichnet. Alles, was uns ein erhöhtes Kraftgefühl unseres Leibes ge- 
währt, gehört hierher. Hierauf beruht z. B. ein Motiv für das Tragen 
des Schmuckes, während ein zweites natürlich in seiner sozialen Wirksam- 
keit zu suchen ist. Auf die Existenz des ersteren weist schon die Tat- 
sache hin, daß viele Tiere eine ausgesprochene Neigung zeigen, die ver- 
schiedensten Gegenstände an ihrem Leibe zu tragen, weil bei Tieren eine 
ästhetische Empfänglichkeit der „Zuschauer“ viel weniger wahrscheinlich 
ist als das erstere Motiv. In Hinblick auf seine Versuche an seinen Schim- 
pansen bekennt sich in diesem Sinne Köhler*) zu dem Glauben, „daß das 
primitive Schmücken garnicht auf optische Wirkungen nach außen rechnet, 
sondern ganz auf der merkwürdigen Steigerung des eigenen Körper- 
gefühls, Stattlichkeitseindrucks, Selbstgefühls beruht, die auch beim 
Menschen eintritt, wenn er sich mit einer Schärpe z. B. behängt“. Schon 
viel früher hat Loge sogar hinsichtlich des Menschen in seiner Auffassung 
des Leibesschmuckes dieselbe Anschauung (freilich nicht in ausschließen- 
der Form) vertreten: er führt den Kopfschmuck zurück auf die „Neigung 
durch hohe und steile Helme, durch Bärenmüßen, durch turmartige Fri- 
suren nicht bloß die Fürchterlichkeit und Ehrwürdigkeit der Figur für 
den Anblick anderer zu steigern, sondern was mehr ist, auch das Gemüt 
des Trägers selbst mit dem Gefühl einer majestätisch nach oben ver- 
längerten Existenz zu kräftigen“. Und ähnlich hinsichtlich der Beklei- 
dung, die uns nach Art des Gürtels umspannt, z. B. beim Korsett: „bei 
jeder Berührung dieser steifen Umhüllung wird die Spannung und Festig- 
keit ihres Gefüges durchaus so empfunden, als gehörten beide Eigen- 
schaften unserem eigenen Körper an; ohne Zweifel erhalten wir also 
durch dieses Mittel das Gefühl einer gekräftigten und elastischeren Exi- 
stenz . . . die ersten Beinkleider, die durch Stege gespannt sind, erfüllen 
1) Wolfgang Köhler i. d. Abhdl. d. Berl. Ak., math.-phys. Kl. 1917 S. 75.
	        
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