Object: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mül. 411 
ebenso energisch verlangt, wie die der Kornzölle; wozu sollte man 
nun aber den Arbeitern die Assoziations- und Koalitionsfreiheit ge 
währen, wenn ein höheres Gesetz von Anfang an jeden ihrer Ver 
suche, ihren Lohn zu erhöhen, zu nichte machen mußte ? Zwei 
Volkswirtschaftler, Longe (1866) und Thoenxon (1869) (in seinem 
Buch; On Labour) zogen die Wahrheit des Lohnfonds-Gesetzes in 
Zweifel. Es kostete sie keine große Mühe, Stuaet Mill zu bekehren, 
der sogleich in der Fortnightly Review einen Widerruf ver 
öffentlichte, der großes Aufsehen erregte, ja, man könnte fast sagen: 
einen enormen Skandal in der klassischen Schule hervorrief. Die 
Bekehrung war aber freilich nicht so ganz und gar vollkommen, denn 
in den späteren Ausgaben seines Buches, hat er die zitierten Stellen 
und andere stehen lassen, die mit Hinsicht auf die Hoffnungen der 
Arbeiterklasse auf den Erfolg ihrer eigenen Anstrengungen nicht 
weniger entmutigend sind *), 
Obgleich die Theorie des Lohnfonds durch den Abfall 
Stuaet Mill’s stark erschüttert war, wurde sie doch nicht von allen 
klassischen Volkswirtschaftlern aufgegeben und hat neuerdings in 
amerikanischen Veröffentlichungen eine Art von Renaissance erlebt 1 2 ). 
6.'Das Gesetz der Rente.'« Wie wir gesagt haben, hat das Ge 
setz der Konkurrenz die Wirkung, die Preise der Produkte auf das 
Niveau der Produktionskosten zu bringen. Wenn aber, — und das 
ist nicht nur möglich, sondern muß sich mit Sicherheit ereignen, — 
gleiche Produkte auf den Markt gebracht werden, die verschiedene 
Produktionskosten verursacht haben, dann entsteht die Frage: 
welche dieser verschiedenen Einzelkosten bestimmen den Preis? 
Die höchsten, die „Grenzbeschaffungskosten“. Notwendigerweise 
bleibt daher ein Überschuß für alle gleichartigen Produkte, deren 
Produktion weniger gekostet hat. Ricaedo hatte das für die land- 
1 ) Ohne zu glauben, sich mit der klassischen Theorie in Widerspruch zu setzen, 
nahm Stuart Mill an, daß die Trade-Unions die Beziehung zwischen Angebot und 
Nachfrage ändern könnten; 
sei es, indem sie das Angebot an Arbeitskräften von seiten ihrer Mitglieder 
auf dem Arbeitsmarkt beschränkten; nur fürchtete er, daß die Lohnerhöhung, die so 
eine Folge einer Art von Monopol der organisierten Arbeiter sei, als Lohnerniedrigung 
für die Menge der anderen zutage treten würde; sei es, indem sie die verfügbaren 
Arbeitskräfte durch ein weitertragendes Mittel verringerten, nämlich durch die Be 
schränkung in der Zahl ihrer Kinder; und er glaubte, daß die Trade-Unions in 
Wirklichkeit dies Ziel erreichen könnten, indem sie ihren Mitgliedern Gewohnheiten 
des Komforts einpflanzten, die ihren Standard of life erhöhen würden. Zum 
Schluß endigt er daher stets im Malthusianismus. 
2 ) Siehe die Quarterlies der Universitäten Harvard und Columbia. Und 
doch war es ein Amerikaner, Francis Walker, der durch sein Buch: The Wages 
Question (1876) am meisten dazu beigetragen hat, die Lehre vom Lohnfonds 
zu zerstören.
	        
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