Full text: Rationalisierung als Kulturfaktor

46 
B. Betrachtungen 
Sprachstil sich unendlich verfeinert hat, scheint das Reden und Schreiben 
als Wesensausdruck der einzelnen wie des gesamten Volkes in einem 
unaufhaltbaren Verfall begriffen zu sein. Man vergleiche etwa die 
Reden des Frankfurter 48er Parlaments mit den Reden, die in der 
zweiten Wilhelminischen Epoche und in der Nachkriegszeit in den 
deutschen Parlamenten gehalten worden sind und man wird — bei 
aller Hochachtung vor zahlreichen Ausnahmen — eine durchschnittliche 
Senkung des formalen Niveaus feststellen können, die ein getreuliches 
Spiegelbild darstellt für den allgemeinen Verfall der geistigen Kultur 
dieser Zeit. Nicht sehr viel besser liegt es im Zeitungswesen, im Buch⸗ 
und Briefstil, im Schriftverkehr der Behörden untereinander und mit 
dem Publikum — um vom Kaufmannsdeutsch völlig zu schweigen. 
Immerhin beginnt auf diesen Gebieten ein rationaler Berufsstil sich 
zu entwickeln, der — gehandhabt von feinsinnigen Menschen — hier 
und dort bereits als Symbol der dargestellten Sache, als litera⸗ 
rischer Ausdruck einer „neuen Sachlichkeit“ gewertet werden kann. 
Tempo und Rhythmus, Alkzent und Klangfarbe sind in der Berufs⸗ 
sphaͤre in den letzten Jahren bereits weitgehend vereinheitlicht und 
objektiviert, den Erfordernissen der modernen Verkehrswirtschaft an⸗ 
gepaßt worden. 
Nicht minder kennzeichnend für den Verfall der Kultur als Folge 
der gesteigerten Gegensätzlichkeit von Subjekt und Objekt ist die Viel⸗ 
heit der Stile. Bis in das zweite Jahrzehnt unseres Jahrhunderts 
hinein folgen sich vom Häuserbau bis zu den Bildwerken, von den 
Zimmereinrichtungen bis zur Gartenarchitektur Renaissance und Ba⸗ 
rock, Rokoko und Empire, Biedermaier und Praäraffaelitum in fort⸗ 
wahrendem Wechsel. Das Komplizierte und Verfeinerte wird vom 
Einfachen und Simplen, Rokoko vom Klassizismus, dorische und ägyp⸗ 
tische Architekturformen innerhalb weniger Monate vom Jugendstil 
abgelöst. Noch im Jahre 1909 schreibt einer der schaͤrfsten Kritiker der 
Unkultur seiner Zeit, Hermann Muthesius, hierüber: „Im allge⸗ 
meinen ist der deutsche Kunststandpunkt auch heute noch, und zwar
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.