Die Unternehmer unter der Kontrolle der Preise und dem Drucke der Gesamtinterefssen. 457
Arbeitsteilung- nötig wäre, wenn man die Unternehmungen und Kartelle überflüssig
machen wollte. Und daher erscheint die Verfassung der Volkswirtschaft heute als die
normalste, welche die Bedürfnisbefriedigung, die über die Familienwirtschaft hinausgeht,
zwischen den Gebietskörperschaften und den Unternehmungen teilt, so daß beide Systeme
einander ergänzen. Die Vorzüge des einen Systems werden dabei stets als Vorbild
für das andere, ihre Fehler als abschreckendes Mittel wirken. So weit die Güter—
produktion und der Handel in privaten Händen, in denen von kleinen und großen
Geschäften bleiben, werden sie allerdings immer mehr unter die indirekte Kontrolle der
Gefamtheit und des Staates kommen. Diese wird durch die ganze Handels-, Verkehrs⸗,
Social⸗, Bau-, Markt⸗, Geld-, Kreditpolitik, wie durch die Thätigkeit der großen staat—
lichen Wirtschaftsinstitutionen ausgeübt. Sie entsteht ferner in gewisser Weise dadurch,
daß immer mehr die Masse der Bürger Aktien und Anteile von Gesellschaften und
Genossenschaften in Händen hat, und daß die organisierten Arbeiter einen gewissen
Einfluß auf die Unternehmungen erhalten. Die Verantwortlichkeit und Freiheit der
Unternehmer kann und soll dabei aber im ganzen fortbestehen; nur die Schranken sollen
ihrer Gewinnsucht gezogen, die Direktiven ihrem Handeln gegeben werden, die im
Gesamtinteresse der Nation und ihrer gesunden Entwickelung liegen.
Je mehr so ein wirklich großes Unternehmertum entsteht, wird es im Einklang mit
dem Staat und den unteren Klassen sich fühlen können, wird es einsehen, daß man
die Volkswirtschaft oder den wichtigsten Teil derselben nicht leiten kann ohne große
öffentliche Pflichten zu erfüllen, ohne daß die großen Unternehmungen — auch ohne
Staatsanstalten zu sein — im Geiste der großen allgemeinen Interessen und nicht im
Geiste habsüchtiger Bereicherung geführt werden müssen.
Eine wachsende Vergesellschaftung und Centralisation wird dabei vorhanden sein,
aber nicht in der Art, daß Staat, Gemeinde und Unternehmungen zusammenfallen,
sondern in der, daß die reformierte Unternehmungswelt, einschließlich der Genossenschaften
und Kartelle, sich immer mehr in einheitlichen Spitzen zusammenfaßt, daß neben und
über ihr die politischen Gewalten ebenso einer zunehmenden Centralisation unterliegen.
Nur an gewissen obersten Stellen wird die Geschäftswelt sich der Staatsgewalt unter⸗
ordnen müssen. Soweit Gemeinde und Staat unternehmerartig auftreten, werden fie
aber auch am besten verfahren, wenn sie ihren Verkehrs-, Kredit⸗, Versicherungsanftalten,
ihren eigentlichen Geschäftsbetrieben eine gewisse Selbständigkeit gegenüber den politischen
Gewalten geben. Vor allem den Staatseisenbahnen, den großen Centralbanken thut
das not.
So wie die Menschen heute sind und in absehbarer Zeit bleiben, ist die auf eigene
Verantwortung wirtschaftende, das Risiko tragende Unternehmung mit den sie bedingenden
Institutionen, auch mit all' ihren Spekulationssünden, mit all' ihrer die Habsucht
fleigernden Tendenz, mit ihrer socialen Wirkung und ihrer Beeinflussung der Einkommens—
verteilung doch das notwendige Instrument, welches in den entscheidenden Kreisen das
höchste Maß von wirtschaftlichen Fähigkeiten, von Fleiß und Energie, von technischem
uͤnd organisatorischem Fortschritt erzeugt. Sie ist zugleich die gesellschaftliche Form,
welche in breiten Schichten diejenige persönliche Freiheit und wirtschaftliche Unabhängig—
keit ermöglicht, die nur der eigene Besitz, das Vertrauen auf die eigene Kraft und auf
selbständige Leistungen geben kann.
Wir mögen unser Beamtentum und seine großen Tugenden, unsere liberalen Berufe
mit ihrem Idealismus, unser Bauerntum mit seinen kernhaften Muskeln und schlichten
Gemülseigenschaften, unsere aufstrebende Arbeiterwelt mit ihrem Bildungstrieb, ihrer
technischen Tüchtigkeit, ihrer aufopfernden Vereinsthätigkeit noch so hoch schätzen, sie
bedürfen als Ergänzung der ganz anders gearteten, aber nicht minder wertvollen pfy—
chischen und gefellschaftlichen Kräfte der Geschäftswelt ebenso, wie diese ohne jene
anderen gesellschaftlichen Kräfte und Tendenzen nicht glücklich wirken könnte.