Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mil! 411
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In Frankreich war Michel Chevalier der bekannteste Vertreter
der Nationalökonomie unter dem zweiten Kaiserreiche. Obgleich er
ein Schüler Saint-Simon’s war, fuhr er doch fort, am College de France
die klassische Lehre vorzutragen, die dort seine Vorgänger, J.-B. Say
nnd Rossi, gelesen hatten 1 ). Es stritt gegen die Sozialisten von 1848
und gegen die Schutzzöllner, hatte die Ehre, an der Besiegung beider teil
zu nehmen und führte mit Cobden die Verhandlungen über den be
kannten Handelsvertrag von 1860. Er begriff die Bedeutung, die die
Eisenbahnen erlangen sollten, wie auch die des eben vollendeten Durch
stiches des Isthmus von Suez (womit ein Projekt Enfantin’s verwirk
licht worden war), und der großen Kreditinstitute, die damals auf
kamen 2 ). Obgleich er zur liberalen Schule übergangen war, vergaß er
doch nicht, was der Saint-Simonismus über die bedeutende Rolle der
Autorität und des Staates gelehrt hatte, und spornte die Regierung zu
tätiger Beschäftigung mit den Arbeiterfragen an, denen Napoleon III.
von Natur zuneigte. Alle diese Gebiete behandelte er mit Sachkenntnis
und Beredsamkeit.
Zur gleichen Zeit veröffentlichte Courcelle-Seneuil eine Abhand
lung über Nationalökonomie, die lange Zeit hindurch als maßgebend
galt. Er war der Hüter der reinen Wissenschaft, die er Plutologie nannte,
um sie von der Ergonomie oder angewandten Wissenschaft zu unter
scheiden: er hielt es für äußerst wichtig, diese beiden Bereiche streng
zu trennen. Während langer Zeit übte er eine Art „schulmeisterlicher“
Oberaufsicht aus, und er war es, der in dem Journal des Economistes
den jungen Volkswirtschaftlern die Rute gab, wenn sie sich zu emanzi
pieren versuchten, während zur selben Zeit Maurice Block die Veröffent
lichungen der deutschen Schule, die damals ihren Anfang nahm, analysierte
und scharf kritisierte.
Wir bedauern, Frankreich nicht das „Pr6cis de la Science 6cono-
ßiique et de ses principales applications“ (Darlegung der Wissen
schaft von der Volkswirtschaft und ihrer hauptsächlichsten Anwen
dungen) von Cherbuliez zusprechen zu können, ein Werk, das 1862
erschien, denn sein Verfasser war Schweizer und erst in Genf, später
in Zürich Professor. Cossa erklärt in seiner „Histoire“, daß es „ohne allen
Zweifel das beste in französischer Sprache veröffentlichte Werk sei, und
Wohl auch höher stehe, als das von Stuart Mill“. Es ist sicher, daß
dieses Buch etwas Besseres verdiente, als das mittelmäßige und nur kurze
1 ) Seit 1830 hat diese Professur nur vier Inhaber gehabt: J.-B. Say, Eossi,
Michael Chevalier, und jetzt dessen Schwiegersohn, Paul Leroy-Beaulieu. Sie stellt
ziemlich genau die Geschichte der französischen volkswirtschaftlichen Schule vor.
2 ) Das eigentümlichste seiner Bücher ist das 1859 unter dem Titel De la baisse
Probable de l’or veröffentlichte Werk, das während der ganzen zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts eher lächerlich erschien, aber bald neue Bedeutung gewinnen könnte.