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herausgegebenen „Sozialdemokrat" Max Zachau zu 9 Monat und Max
Schippel zu 3 Monat, von Redakteuren des „Volksblatt für Teltow-
Beeskow" Rautmann zu 12 Monat und Gustav Keßler zu 3 Monat,
der Redakteur der „Gazeta Robotnicza", Josef Woicziköwski, zu 4 Monat
Gefängnis verurteilt. In diese Zeit fällt auch der Versuch, den Drucker
Max Bading für den Inhalt einer in seiner Druckerei hergestellten Druck
schrift — die Märznummer des „Vorwärts" vom Jahre 1895 — un
bekümmert darum verantwortlich zu machen, daß die Nummer vom ver-
antworlichen Redakteur regelrecht gezeichnet war. Dann beginnt eine mehr
jährige Pause verhältnismäßiger Ruhe, bis das neue Jahrhundert wieder
einen Lage! von Verurteilungen über Redakteure des „Vorwärts" bringt.
Karl Leid wird zu zusammen 15 Monat, Paul John zu 13 Monat,
Julius Kaliski zu 8 Monat, Robert Schmidt zu 6 Monat und
Wilhelm Schröder zu 4 Monat Gefängnis verurteilt, von Strafen unter
3 Monat und Geldbußen gar nicht zu reden.
Indes gibt die Liste der Freiheits- und Geldstrafen nur ein Bild der
Opfer, die der Bewegung und ihren Streitern von Gegnern auferlegt
wurden. And sie gibt nicht einmal hierin ein vollständiges Bild, denn es
kommen zu den durch Gerichtsspruch verhängten Strafen noch hinzu die
Maßregelungen durch Prinzipale und Vorgesetzte in Form von Entlassung
aus der Arbeit, Übergehung bei Beförderungen und Gehaltsaufb esserungen
und ähnliche wirtschaftliche Schädigungen mehr. Es dürfen nicht übergangen
werden die seelischen und materiellen Schädigungen durch das Einstecken und
oft rücksichtslose Zurückhalten in Antersuchungshaft, wofür ein besonders
krasses, aber selbst in seiner Art durchaus nicht einzig dastehendes Beispiel
das im Jahre 1892 gegen Leinrich Peus beobachtete Verfahren war, der
trotz Linweises auf die stündlich zu erwartende Niederkunft seiner jungen Frau
in durch nichts gebotener Antersuchungshaft gehalten wurde, bis die arme
Frau ihren Kindsbettnöten erlegen war. Lierher gehört ferner die Aus
stoßung Arthur Stadthagens aus dem Anwaltstand, bei der dessen
Schriftsätze über das gegen Peus geübte Verfahren eine große Rolle spielten.
And man kann nicht von Opfern reden, ohne der ungeheuren Summe
von Opfern an Geldmitteln unb Arbeitskraft zu gedenken, die den
Kämpfenden nicht auferlegt, sondern von ihnen für die verfochtene Sache
freiwillig dargebracht wurden. Auch ihnen gegenüber versagt die
statistische Berechnung, da der geringste Teil von ihnen zur öffentlichen
Kenntnis kommt und außerdem im Einzelfall nicht die Löhe der Leistung,
sondern ihr Verhältnis zur Leistungsfähigkeit des Darbringers die Größe
des Opfers ausmacht. Scheinbar unbedeutende Beiträge zu Sammlungen,
die Übernahme der Arbeit des Flugblattaustragens oder der Lausagitation,
von der Arbeit der Bezirks- und Abteilungsführer gar nicht zu reden, bedeuten
stets den Verzicht auf einen Bruchteil der nicht allzu vielen Genüsse, die
dem Arbeiter zur Verfügung stehen, in nicht wenigen Fällen aber auch
Opfer an Notwendigkeiten der Ernährung und Körperpflege. Man vergißt
das leicht, weil diese Opfer in so großer Zahl gebracht werden, daß sie
den meisten schon als Alltäglichkeiten erscheinen. Aber diese Alltäglichkeit
nimmt ihnen absolut nichts von ihrer Größe: ist doch vielmehr sie selbst
gerade einer der großartigsten Züge der Bewegung. Sie ist der sicherste
Beweis ihrer inneren Festigkeit, ihrer nicht zu lockernden Verankerung im
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