Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Volksleben. Die deutsche Arbeiterbewegung ist über die Phase längst 
hinweg, wo melodramatisch ausfallende Opfer für sie Bedeutung haben 
konnten. Sie erfordert nicht weniger, sondern sie fordert bloß andere Opfer, 
wie sie ein anderes Heldentum als das der Preisgabe des Lebens in Momenten 
der Aufwallung kennt. Ihre Leiden opfern ihr Leben unauffällig stückweise in 
der Gestalt ruhiger Pflichterfüllung. Nicht die Gräber einer Zahl auserlesener 
Toter, sondern ganze Reihen von Gräbern erzählen von diesem, zur 
Alltäglichkeit gewordenen Heldentum der Pflicht. 
Der Toten! Es ist unmöglich, wo von Opfern die Rede ist, nicht 
derjenigen Kämpfer der Berliner Bewegung zu gedenken, die in der Zeit, 
die wir behandelt haben, ins Grab gesunken sind. Aber ein Empfinden, 
das man begreifen wird, lehnt sich dagegen auf, an dieser Stelle einzelne 
Namen aus der langen, langen Liste der dahingeschiedenen Mitstreiter 
herauszureißen. Wo soll man hier die Grenze ziehen, ohne willkürlich zu 
verfahren, welchen Namen fortlassen, ohne Ungerechtigkeit zu begehen? 
Das Gleiche gilt von den Leichenbegängnissen, welche die Arbeiterschaft 
ihren besonders verdienten Vorkämpfern bereitete. Fast jedes Jahr sah 
deren, manche ihrer mehrere. Als einzig in seiner Art ragt aus ihnen 
das am 12. August 1900 erfolgte Leichenbegängnis Wilhelm Liebknechts 
hervor. Hier war es nicht nur die Arbeiterschaft Berlins, hier war es 
mit ihr die ganze, durch Deputationen aus allen Orten Deutschlands und 
den Hauptorten des Auslandes vertretene Internationale der Arbeiter, 
die dem verstorbenen „Soldaten der Revolution" einen Leichcnzug stellte, 
wie ihn kein Fürst mit allem, bei der Bestattung der Mächtigen entfalteten 
Schaugepränge, kein Führer der bürgerlichen Klassen, für deren Größen 
die ganze, weit verbreitete Presse die Trommel rührt, jemals auch nur an 
nähernd gleich gewaltig und eindrucksvoll gehabt hatten. Ein Trauerzug von 
zwischen 120 000 und 150 000 Teilnehmern, der durch ein Spalier von 
vielen Lunderttausenden den fast fünf Stunden währenden Weg zum 
Begräbnisplatz nahm, an der Spitze eine endlose Reihe von Wagen mit 
Kränzen und Palmenzweigen, deren Schleifen mit ihren sinnreichen Wid 
mungen oft wahre Kunstwerke waren und wie sie in dieser Schönheit und 
Fülle eine Arbeiterbewegung nur darbieten kann, die Lunderttausende um 
faßt, dem tiefen Eindruck dieser Demonstration der Liebe und Ver 
ehrung konnten selbst die Gegner das Zugeständnis nicht versagen, daß sie 
etwas Beispielloses war. Das am 1. Ostertage des Jahres 1902 am 
Grabe Liebknechts enthüllte prächtige Denkmal dieses Mitbegründers der 
deutschen Sozialdemokratie zeigt den Nachkommenden in einer in Bronze 
prächtig ausgeführten Büste seine charakteristischen, von Geist und Energie 
durchleuchteten Züge. 
Es ist unmöglich, nicht auch des fast spontan zu einer großartigen, 
erschütternden Demonstration gewordenen Leichenbegängnisses zu gedenken, 
das die Arbeiter Berlins am 2. September 1894 einem weiblichen Vor 
kämpfer, der tapferen Agnes Wabnitz, bereiteten, die den Ernst ihrer 
Erklärung, daß sie einer ihr in einem Klassenurteil aufdiktierten längeren 
Gefängnisstrafe sich nicht unterziehen werde, dadurch bekräftigt hatte, daß 
sie, nachdem Nahrungsverweigerung ihr unmöglich gemacht war, ihrem 
Leben freiwillig ein Ende setzte. Der Friedhof der freireligiösen Gemeinde, 
auf dem die Reste der Verstorbenen beigesetzt wurden, war lange vor der
	        
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