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IV. Kap.: Wirtfchaftliche und foziale Zuftände in der Hausinduftrie
des ftatiftifches Material bezüglich der Arbeitsdauer in der Hausinduftrie
liegt natürlich nicht vor und kann nicht vorliegen: die Stundenzahl der Ar
beit kann nur fchwer feftgeftellt werden, da fie oft von einem Arbeiter zum
andern völlig variiert, fie ift zudem fehr verfchieden nach den verfchiedenen
Zeiten im Jahre, die in vielen Fällen ein Schwanken zwifchen 0 und 20
Arbeitsftunden aufweifen. Dazu muß die Arbeitszeit je nach der übrigen
Bcfchäftigung des Hausinduftriellen (im Haushalt) fehr verfchieden beurteilt
werden. Typifche Zahlen bezüglich der Arbeitszeit in der Hausinduftrie können
alfo auch für einen einzelnen Induftriezweig nicht aufgeftellt werden. Wohl
aber kann auf gtwiffe typifche Erfcheinungen bezüglich der
Arbeitsdauer auf dem ganzen Gebiete der Hausinduftrie hingewiefen werden:
a) Eine ganz allgemeine Beobachtung kann man es nennen, daß, j e
geringer die Löhne find, um fo ftärker die Tendenz ift,
die Arbeitszeit auszudehnen, und auch die Nacht und den
Sonntag noch zu Hilfe zu nehmen.
b) Der ftärkere Bedarf und die ftärkere Nachfrage nach gewiffen Heim
arbeitsprodukten, die zugleich Saifonartikel find, kommt nicht in der Erhöhung
der Löhne zum Ausdruck, fondern hauptfächlich in einer übermäßigen
Ausdehnung der Arbeitszeit. In andern Zeiten finkt dagegen
die Arbeit auf ein Minimum und oft bis zur völligen Arbeitslofigkeit herab.
c) Wegen des Fehlens einer Kontrolle und wegen des völligen Sichfelbft-
überlaffenfeins kann den Heimarbeitern durchweg eine große Un
pünktlichkeit in bezug auf Beginn und Beendigung der Arbeit nach-
gefagt werden. Aus denfelben Gründen ift auch für viele die Gefahr des ge
legentlichen „Feierns“ und „Blaumachens“ vorhanden.
Die übermäßige Befchäftigungszeit vieler Heimarbeiter und -arbeiterinnen
möge noch durch ein paar Einzelbeifpiele aus verfchiedenen Induftrie-
zweigen ihre Beleuchtung finden. H. Grandke x ) hat in der Berliner
Konfektion ftichprobenartig private Erhebungen angeftellt, deren Re-
fultat folgendes war: Im Durchfchnitt haben die 57 Werkftattarbeiterinnen,
welche beftimmte Angaben gemacht haben, II Stunden Arbeit in der Werk-
ftelle. Angaben betreffs der Überftunden nach Schluß der Werkftelle in der
eignen Wohnung machten 32 Arbeiterinnen. Sie kamen dadurch auf eine
tägliche Gefamtarbeitszeit
von 11%, 12, 12%, 13, 131/2. 14, 14/2. 15/2, 16, 17%, 19 Stunden
in 1, 7, 2, 3, 2, 8, 2, 1,1, 2, 3 Fällen.
*) H. Grandke, Berliner Kleiderkonfektion, Sehr. d. V. f. S. 85, 255; vgl.
auch Bittmann a. a. 0. 1044 ff-