Der Begriff der ästhetischen Harmonie.
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Der Geist wurde nur deshalb auf sich selbst gestellt und aus
der Abhängigkeit vom sinnlichen Stoffe gelöst, um ihn völlig
und rein in das jenseitige, göttliche Urwesen ein- und aufgehen
zu lassen. Jede wahrhafte Erkenntnis bedeutet eine Berührung
und eine Gemeinschaft, die wir mit der unendlichen und vollkommenen
geistigen Substanz eingehen. Die eingeborenen „Formen“
des Denkens wären kraft- und haltlos, wenn sie lediglich
in unserem Bewusstsein Bestand hätten und nicht in einem Reiche
für sich bestehender geistiger Wesenheiten ihre genaue Entsprechung
fänden. So ist das gesamte zwölfteBuch der „Platonischen
Theologie“ dem Nachweis gewidmet, dass die menschliche Seele
in ihrer reinen intellektuellen Erkenntnis vom göttlichen Bewusstsein
bestimmt und geformt wird: „nihil revera disci potest,
nisi docente Deo*“.19) Nicht wir sind es mehr, die das Unendliche
begreifen und in feste gedankliche Schranken bannen; wir
müssen uns von ihm ergreifen lassen und uns darin auflösen,
damit Erkenntnis möglich wird.”) Ausdrücklich wird für diese
Anschauung auf die Logoslehre des Johannes-Evangeliums verwiesen,
damit aber das Problem der Wissenschaft wiederum
gänzlich den Fragen der Metaphysik und Theologie ein- und untergeordnet.
Vom geschichtlichen Siandpunkt ist auch dieser Teil von
Ficins Werk bedeutsam und wichtig, da hier die Augustinische
Auffassung der Ideenlehre von neuem in helles Licht gerückt und
damit die Wirkung ermöglicht und vorbereitet wurde, die sie
späterhin in der modernen Philosophie noch üben sollte. Insbesondere
besteht an diesem Punkte zwischen Fieinus und Malebranche
ein innerer gedanklicher Zusammenhang: die Beweisgründe
des Satzes, „dass wir alle Dinge in Gott schauen“, finden sich
fast vollständig bereits in der „Theologia Platonica‘“ vereint.?) Bei
allem Zusammenhang mit Augustin aber erweist sich auch hier
der originale Charakter der Renaissance, indem wiederum diejenigen
Züge herausgehoben und betont werden, die der engeren
aesthetischen Grundanschauung verwandt sind. Wir könnten
uns — so hatte schon Augustin argumentiert — an der sinnlichen
Schönheit, wir könnten uns an der Konsonanz und der rhythmischen
Folge der Töne nicht erfreuen, wenn nicht unsere Seele in sich
selbst ein Mittel besässe, die reinen Zahlenverhältnisse durch
alle konkreten Hüllen und Umkleidungen hindurch zu erkennen