Der Shepticismus. — Montaigne.
A.
Die skeptische Lehre in der neuen Gestalt, in der sie nunmehr
auftritt, findet ihre erste vollständige Verkörperung in Mon-:aignes
„Apologie de Raimond de Sabonde“. Dieses Kapitel — das
ausführlichste der „Essais“ — gibt zwar nicht, wie man gemeint
hat, den Kern und Gehalt der gesamten Philosophie und Lebensanschauung
Montaignes wieder, aber es verzeichnet den äusseren
Umriss und vollzieht die formale Gliederung des Ganzen. Die logischen
Einzelmotive treten hier der Reihe nach deutlich hervor;
zugleich aber weisen sie, gegenüber der Antike, eine charakteristisch
neue Beziehung auf, indem sie alle sich der‘ gemeinsamen
Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Glauben einand
unterordnen. So ist auch hier die Gesamtheit der theoretischen
Hauptfragen noch gleichsam eingebettet in die Systematik
der Theologie und Religionsphilosophie; um sie selbständig zu besreifen,
gilt es vor allem, diese Systematik selbst und ihren besrifflichen
Untergrund zum Problem zu machen.
Schon die Form und literarische Einkleidung des Gedankens
weist die Richtung auf diese Fragestellung. Die „Theologia naturalis“
des Raimond de Sabonde, an die Montaigne anknüpft, gibt
bei aller Eigenart der Begründung und Einzelausführung dennoch
noch das Grundsystem der mittelalterlichen Lebensanschauung
wieder. Vernunft und Offenbarung sind ihr eine unmittelbare und
widerspruchslose Einheit: zwischen der Natur und der heiligen
Schrift muss, da beide in gleicher Weise Symbole und Darstellungen
der göttlichen Wesenheit enthalten, an jedem Punkt völlige
Uebereinstimmung herrschen. Die Aufgabe der Spekulation erschöpft
sich darin, diese Harmonie, die uns im Buche der Natur
vielfach getrübt und gebrochen erscheint, zur Klarheit und Ein-Jeutigkeit
des Begriffs und der Erkenntnis zu bringen. So endet
Jas Ziel aller Forschung in der göttlichen Wahrheit: wir erkennen
Jen Wert und die Würde des Menschen, sofern wir ihn als ein notwendiges
Glied der stetigen Stufenfolge begreifen, die sich von
den untersten Formen der natürlichen Welt zum höchsten unbelingten
Sein erstreckt. Wie er, em Reich der Freiheit angehörend,
den Gehalt alles geistigen Seins in sich fasst, so gelangt
andererseits das Reich der Natur in ihm zu seiner wahrhaften
Bestimmung. Der Sinn jedes Teils der Wirklichkeit eröffnet sich