Der Rationalismus in Campanellas Erkenntnislehre. 229
Vermögen vielmehr durchaus als Realitäten zu gelten haben.
Die Grundakte des Erkennens sind keine blossen Gebilde und
Erdichtungen der Abstraktion, sondern echte wirkende Potenzen:
„ratio non est Ens rationis“.%) In dieser epigrammatischen
Zuspitzung wird scharf und treffend der Gegensatz zweier Denkarten
bezeichnet, die in Campanellas eigener Lehre dicht neben
einander liegen. Nirgends im Aufbau seiner Lehre vermag er
der rationalen Bedingungen und Faktoren zu entraten, deren
Anerkennung ihm doch durch die Anfänge seiner Erkenntnislehre
versagt ist. Sein System müsste als blosse eklektische Mischung
erscheinen, wenn wir in ihm nicht vielmehr die Gegenwirkung
und den Kampf zweier Motive sehen dürften, die ihre wahrhafte
Versöhnung erst in der Grundlegung der exakten Wissenschaft,
der Campanella fern steht, gefunden haben. —
Die Grenze von Campanellas Philosophie erweist sich daher
nirgends deutlicher als in seiner Beurteilung der Mathematik,
die wie überall, so auch hier der sicherste Reflex und Gradmesser
der Erkenntnislehre ist. Der unbedingte Kriterienwert der Wahraehmung
bleibt auch an diesem Punkte erhalten: er rühmt es
als den entscheidenden Vorzug seiner Lehre, dass ihr die streng
sensualistische Begründung der Mathematik gelungen sei, die
Aristoteles verfehlt habe. Die höchste Leistung der Wissenschaft,
die Wirklichkeit und ihre Verhältnisse wiederzugeben, bleibt der
Mathematik wie der Logik versagt. Beide können nicht im eigentlichen
Sinne als Erkenntnisse, sondern nur als Bruchstücke und
Handhaben des Wissens gelten, da sie selbst kein ihnen eigentümliches
„Subjekt“ besitzen, sondern dieses nur mittelbar anderen
Wissenszweigen entlehnen. Welcher Wert könnte einem
System von Beziehungen zukommen, die sich zuletzt auf leere
[dentitäten zurückführen: einer Lehre von blossen Zeichen
und deren Verknüpfungen, die an die wahren physischen Ursachen
nirgends heranreichen? So gewiss jede wahre Erkenntnis
die Zurückführung auf Gründe verlangt und so gewiss die Gründe
des wirklichen Geschehens in realen Wirkungen und Kräften
liegen, so gewiss ist die physikalische Darstellungs- und Beweisart
der geometrischen überlegen. Die Epicykeln, die excentrischen
Bewegungen, die Drehung der Erde und ähnliche „Idealgebilde“,
die der Mathematiker entwirft, machen uns nicht mit den echten