Die Erfahrung und die „Vernunfigründe“ 251
sich zurückwenden muss. Nicht in dem verblassten und entstellten
Abzug, den die Bücher und die Autoren uns bieten, sondern
in ihrer originalen Kraft und Lebendigkeit soll die Natur
erfasst und begriffen werden.!) Aber je weiter wir uns in diese
ursprüngliche Wirklichkeit versenken, umsomehr schwindet aus
ihr jeder Schein der Willkür und Zufälligkeit: um so tiefer blicken
wir in ein Gewebe notwendiger Zusammenhänge und Gründe
hinein. Die Erfahrung selbst ist nichts anderes als die äussere
Erscheinungsform der Vernunftbeziehungen und Vernunftgesetze,
‚Sie lehrt uns, als Dolmetsch zwischen der schaffenden Natur
und dem menschlichen Geschlecht, die Art, in der die Natur sich
unter uns Sterblichen tätig erweist; sie zeigt uns zugleich, dass
Jiese Wirksamkeit, von der Notwendigkeit gebunden, nicht anders
arfolgen kann, als die Vernunft, ihr Steuer, sie vorschreibt“.!7)
Und so wird denn alle Wissenschaft als ein Wechselverhältnis
zwischen diesen beiden Grundmomenten, der Beobachtung und
der Vernunft, beschrieben. Das Experiment muss den Anfang
machen; aber es steht zunächst nur als ein Problem da, das uns
auffordert, die notwendigen Gründe der Erscheinung zur Entdeckung
zu bringen. Das Verhältnis, das in der Natur zwischen
Ursache und Wirkung besteht, muss der Gedanke umkehren:
wenn jene vom Einfachen zum Zusammengesetzten, von den Bedingungen
zum Effekt fortschreitet, so muss dieser mit der komplexen
Erscheinung beginnen, um sie analytisch auf ihre GrundaJemente
zurückzuführen.!®) In diesen Bestimmungen hat Leonardo
vorgreifend die „resolutive Methode“ Galileis und der neueren
Naturwissenschaft beschrieben. Und auch dies wird klar, dass
die Aufgabe, die damit gestellt ist, unabschliessbar ist: die Zahl
der „ragioni“, die niemals in die Erfahrung getreten sind, ist unendlich
und kann somit auch auf keiner künftigen Einzelstufe
des Wissens als völlig erschöpft gelten.)
Es ist nach diesem Gesamtzusammenhange kein Widerspruch,
wenn auf der einen Seite betont wird, dass alles Wissen mit der
Empfindung beginnt, andererseits indes der Vernunft eine eigene
Funktion über und ausserhalb der Wahrnehmung zuerkannt wird.
Deutlich strebt die Betrachtung nach einem Mittelbegriff zwischen
diesen beiden Grundfaktoren. Wir dürfen uns nicht in der Betrachtung
des Einzelnen verlieren, sondern müssen das allgemeine