AU
Diz Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei,
Jes neuen Weltsystems sieht, von allen Seilen und mit allen
Mitteln bekämpft werden, wie selbst der Zweifel an der subjek-
ven Wahrhaftigkeit Galileis sich hervorwagt und immer von
neuem laut wird. Nicht nur die Gegner der Copernikanischen
Lehre, auch ihre festesten und frühesten Anhänger, wie Keplers
Tübinger Lehrer Maestlin, sind in diesem Verwerfungsurteil
ainig. An Kepler selbst drängt sich immer von neuem die Zu-
mutung heran, sich bestimmt gegen die neuen Ergebnisse zu er-
klären; ja ein früherer Schüler von ihm, Martin Horky, glaubt
sich durch eine Schmähschrift, die er gegen Galilei richtet, seinen
Beifall verdienen zn können. Sogleich indes bricht Kepler jede
Gemeinschaft mit ihm ab: nichts könne ihm schmerzlicher
sein — schreibt er in seinem ersten Briefe — als das Lob eines
Mannes, der in seiner Beurteilung Galileis sein Unvermögen,
wahre geistige Grösse zu schätzen; so offen bekundet habe. Und
es bleibt nicht bei dieser persönlichen Annäherung: sondern es
irängt ihn dazu, öffentlich für den Charakter Galileis und für
lie Wahrheit seiner Beobachtungen Zeugnis abzulegen. Er setzt
sofort sein ganzes wissenschaftliches Ansehen für dieses Ziel ein:
noch ehe er das neue Instrument mit eigenen Augen geprüft hat,
ist er — der als der Begründer der modernen Optik die theore-
schen Grundlagen der Entdeckung sogleich durchschaut — von
seinem Werte überzeugt und sucht ihn gegen die „grämlichen
Krittler des Neuen“, denen alles unerhört heisst, was über die Enge
des Aristotelischen Systems hinausliegt, zu verteidigen. In der
schlichten Sachlichkeit und Wahrhaftigkeit, die den Grundzug
seines persönlichen und wissenschaftlichen Wesens bildet, gesteht
er sogleich eigene, ältere Irrtümer ein, die nunmehr durch die
neuen Erfahrungen berichtigt seien. Ein Zweifel an diesen aber
kann ihm nicht aufkommen: schon der Stil Galileis bürgt
ihm für ihre Sicherheit. Der Stil Galileis: das ist der Ausdruck
und Reflex der methodischen Denkart. die Kepler als die seinige
wiedererkennt.®)
Diese Gemeinsamkeit bewährt sich zunächst in negativer
Richtung in der Stellung, die Kepler sowohl wie Galilei zum
herrschenden Schulsystem einnehmen. Es ist literarisch inter-
essant zu verfolgen, wie beide sich gegenseitig die Waffen schmie-
den und darreichen, mit denen sie die Ueberlieferung bekämpfen: