Das „a priori“ der Idee und das „a priori“ des Zwecks. 321
discorso) zum Richter über die Werke Gottes zu machen und
alles im Universum, was nicht unserm Nutzen dient, eitel und
überflüssig zu nennen“.154) Die Einsicht in den Nutzen: das ist
die falsche Forderung des Verstehens, die es abzuwehren gilt;
ihr tritt der Hinweis auf den allumfassenden „Verstand der Natur“
entgegen, der sich wiederum rein in den Gesetzen der Mathematik
erschliesst.
Es ist indes nur die gröbere und äusserliche Form der Teleo-
logie, die sich in der Frage nach dem Nutzen ausspricht: der
tiefere Reiz und die gefährlichere Lockung des Zweckgedankens
liegt nicht in dieser Richtung, sondern in dem Zusammenhang
mit den ästhetischen Begriffen und Problemen. Hier hatte, wie
wir sahen, auch Copernicus den Standpunkt der Betrachtung nicht
geändert: auch ihm bildet die „Vollkommenheit“ der geome-
trischen Gestalt die letzte Ursache und den letzten Beweisgrund
der Verfassung des Universums. Der Begriff des Kosmos fordert
den Begriff der Harmonie als Ergänzung und als absoluten Maass-
stab. 15) Es war der letzte und geschichtlich vielleicht der schwerste
Schritt, den Galilei vollzog, indem er auch diesen Zusammenhang
kritisch aufhob. Hier kommt in der Schärfe und Eigenart des
neuen Gedankens zugleich die ganze Kraft seines Witzes und seines
polemischen Stils zur Entfaltung. Er habe — bemerkt er gegen
Sarsi — niemals die Chroniken und Adelsregister der geometrischen
Figuren studiert, könne somit nicht darüber entscheiden, welche
unter ihnen von älterem und höherem Rang seien. Vielmehr
glaube er, dass sie alle in ihrer Art vollkommen und altehrwürdig
oder, besser gesagt, dass sie an sich weder edel noch unedel,
weder vollkommen noch unvollkommen seien; nur dass freilich,
wenn es sich um das Aufführen von Mauern handele, die vier-
eckige Form grössere Vollkommenheit als die spbärische besitze,
und dass für das Fortrollen eines Wagens die Rundung besser
als das Dreieck tauge.15) Erwägt man diese Sätze in ihrem hi-
storischen Wert und Zusammenhang, so ist man versucht, auf
Galilei das Urteil anzuwenden, das Aristoteles — wenngleich in
entgegengesetzter Wendung und Tendenz — über Anaxagoras ge-
fällt hat: er tritt wie ein Nüchterner unter lauter Trunkene. Und
in der satirischen Wendung, die der Relativitätsgedanke hier er-
hält. verbirgt sich zugleich eine wichtige logische Ansicht. In