Full text : Nationalökonomie (Teil 1)

um 988 —

Klassen in den letzten drei Dezennien mehr gebessert als im Laufe
von zwei Jahrhunderten vorher.
Eine Grenze des Lohnes ist nach der anderen Seite in der Leistung
des Arbeiters zu sehen. H. von Thünen und die Wiener Schule
halten nun überhaupt die Produktivität des letzten Arbeiters, der
noch zur Thätigkeit herangezogen wird, für entscheidend für die Lohnhöhe.
 Ein Fabrikant wird allerdings so lange noch weitere Arbeiter
anstellen, als dieselben über ihren Lohn hinaus Werte zu produzieren
vermögen. Er wird einen höheren Lohn nicht zahlen, als diese zuletzt
herangezogenen Arbeiter an Werten schaffen. Man weiß aber, daß
der Fabrikant vielfach in der Lage ist, auch bei sehr hohem Verdienst
den Lohn nicht zu erhöhen. Man wird daher in der Leistung des
Arbeiters nur nach einer Seite hin eine Grenze zu sehen haben.
Die zweite Voraussetzung der Ricardo-Lassalleschen Lehre
ist die naturgesetzliche Wirkung einer jeden Verschiebung des Verhältnisses
 von Angebot und Nachfrage auf den Lohn, wie er bei den
Warenpreisen oben erörtert ist. Es unterliegt keinem Zweifel, daß
auch der Lohn dadurch in weitgehendem Maße beeinflußt wird. Zur
Erntezeit sind die Löhne auf dem Lande höher als im Winter. Sie
steigen infolge eines Aufschwunges der Industrie, sie haben jedenfalls
die Neigung zum Sinken zur Zeit einer wirtschaftlichen Depression.
Aber schon das oben angeführte Beispiel der Lohnentwickelung während
 der siebziger Jahre zeigt, daß durchgreifende und bedeutsame
Abweichungen hiervon vorkommen, Der Arbeitgeber ist nicht in der
Lage, rücksichtslos seine Macht zu verwerten und bei dem Vorhandensein
 einer großen Zahl Arbeitsloser den Lohn entsprechend herabzudrücken,
 Er unterläßt dieses oft aus Menschlichkeit, noch öfter, weil
er sich sagt, daß er die Achtung seiner Nebenmenschen durch rücksichtslose
 Ausbeutung seiner Macht einbüßen und in Zeiten der
Arbeiternot nicht die entsprechende Zahl von Arbeitern finden würde,
aus Scheu derselben, früher oder später seiner Rücksichtslosigkeit zu
verfallen. Daher auch die fast allgemeine Erscheinung, daß selbst
bei Entlassung einer großen Zahl von Arbeitern aus einer Fabrik sehr
allgemein die noch weiter Beschäftigten den alten Lohn erhalten und
kein Versuch gemacht wird, denselben herabzudrücken. Der Usus spielt
hier eine außerordentlich große Rolle. Sowohl zwischen einzelnen Ländern,
 wie zwischen den verschiedenen Geschäftsbranchen herrscht hier
gine große Ungleichheit. Eine rücksichtslose Entlassung der im Momente
nicht gebrauchten Arbeiter, wie eine Herabsetzung der Löhne in Zeiten
ungünstiger Konjunkturen ist, wie erwähnt, in England und den Ver,
Staaten Nordamerikas sehr viel allgemeiner als in Deutschland.
 Die Löhne schwanken weit mehr in der Hausindustrie als in
dem Fabrikbetriebe, auf dem Lande mehr im Sommer als im Winter.
Einen wesentlichen Einfluß hierauf übt naturgemäß die Organisation
der Arbeiter aus und die Ausbreitung der Arbeiterbewegung unter der
Beteiligung der öffentlichen Meinung, einmal, weil dadurch das Verhältnis
 von Angebot und Nachfrage in hohem Maße beeinflußt werden
kann, dann aber durch die größere Wirkung des moralischen Drucks.
In England und Amerika, wo die Löhne überhaupt weit höher
sind, daher auch eine Lohnermäßigung noch nicht zur Not der Arbeiter
führt, ist trotz der besseren und verbreiteteren Organisation der Arbeiter
immer noch eine Lohnherabsetzung leichter durchzuführen als in Deutschland,
 wo immer allgemeiner von der öffentlichen Meinung eine Besse-
            
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