Full text : Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

— 404 —

rungs- oder Bestimmungsorte oder auf den Schiffen, da sie im Momente
doch noch nicht zur Verwendung kommen. Dasselbe ist von einem
zrossen Teile des ausgedroschenen Getreides zu sagen; auch die Beförderung
 von Rüben nach der Fabrik, von Kolonialwaren in kleine
Städte hat meistens keine grosse Eile.
So giebt es eine Menge Fälle, wo die Geschwindigkeit der Eisenbahnen
 nicht genügend ausgenutzt werden kann, auf der anderen Seite
sehr viel häufiger Fälle, wo die Billigkeit des Transportes von entscheidendem
 Kinfluss ist. Das ist besonders bei dem schwer transportablen
 Baumateriale der Fall, welches von der Bahn auf grössere
Entfernungen überhaupt nicht transportiert werden kann, so dass Steine,
Erden ete. vielfach erst durch die Wasserstrassen zu erweiterter Benutzung
 gebracht werden können,
Hier kommt ferner das bereits berührte Moment mit in Betracht,
dass der Transport auf Wasserstrassen sich hauptsächlich im Grossen
bezahlt macht, also wie die Erfahrung gezeigt hat, in Schiffen von
vedeutendem Gehalt, weshalb man allgemein bei den neueren Anlagen
der Kanäle eine weit grössere Tiefe durchführt als früher, um statt
der bisherigen 1—200 Tonnen führenden Schiffe solche mit 600 Tonnen
befördern zu können, wie das in Preussen in Aussicht genommen ist,
und Amerika den Eriekanal sogar für 1000 Tonnenschiffe einrichten will.
Hiermit hängt der dritte Punkt zusammen, dass die Kanäle nicht
überall anzulegen sind, und Terrainschwierigkeiten ihnen weit leichter
ein unbedingtes Hinderniss in den Weg legen, als den Eisenbahnen.
Damit ist zugleich angegeben, dass die Wasserstrassen, abgesehen viel-'eicht
 von Holland, in keinem Lande sich so netzartig verbreiten
lassen wie die Bahnen, deshalb stets nur bestimmte Gegenden fördern,
aicht aber das ganze Land gleichmässig.
Eine wesentliche Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit der Wasserstrasse
 bedingt viertens unser kaltes Klima durch den Frost, während
‚n den südlichen Gegenden dagegen die Dürre gerade im Sommer
die Benutzung der Wasserstrassen beschränkt, wo nicht aufhebt. Man
hat festgestellt, dass der Rhein 280—330 Tage befahrbar ist, die Elbe
260—320; in Masuren sind dagegen die Wasserstrassen nur 210-—230
Tage zu benutzen. Die Kanäle frieren natürlich noch leichter zu als
die Flüsse, während sie vielfach im Sommer leichter mit dem nötigen
Wasser zu versorgen sind als jene. Die Stockungen während des Winters
 fallen aber erfahrungsgemäss bei uns deshalb weniger ins Gewicht,
weil sie in Zeiten auftreten, in denen der Verkehr überhaupt geringer
ist und deshalb die Bahnen ihrerseits bedeutendere Ladungen übernehmen
 und vermitteln können, während für sie gerade im Sommer
lie Entlastung durch die Wasserstrassen besonders wichtig ist.
Als Nachteile der Kanäle sind insbesondere von agrarischer Seite
aoch die folgenden angeführt: Einmal befürchten die Landwirte, dass
dadurch das ausländische Getreide noch billiger in das Inland dringen
und ihnen noch schärfer Konkurrenz machen wird als bisher. Indessen
ist dieses von einer jeden Verbesserung der Kommunikationsmittel zu
befürchten, und müsste konsequenter Weise auch zur Einstellung der
Eisenbahnen und Verstopfung des Gotthardttunnels führen. Es ist vielmehr
 mit Entschiedenheit anzunehmen, dass durch die Erleichterung des
Bezuges von Brenn- und Baumaterial. Futtermitteln ete. und auf der
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.