Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

54 Erstes Buch. Land, Leute und Technik. 
ist es ein zierlicher, elastischer, untersetzter Menschenschlag mit kleinem, ovalem Kopf, 
dunkeln, lebhaften Augen, ausdrucksvollen Gesichtern. Die Erscheinung, die Form ist 
dem Franzosen die Hauptsache; die Geselligkeit ist ihm sein Lebenselement; von der 
Mode beherrscht, lebt er, um gesehen, bewundert, geehrt zu werden. Mit Anmut bewegt 
er fich in allen Lebenslagen; mit Geschick und Geschmack weiß er sich das Haus und 
das Leben einzurichten, nirgends anstoßend, überall mit einem Witzwort sich helfend. 
Der scharfe, schematisierende, ordnende Verstand und die leichte schwungvolle Erregbarkeit, 
die glänzende und durchsichtige Sprache und der veredelte Kunstsinn haben nach den 
verschiedensten Seiten Großes geleistet; Frankreich war lange in Politik und Wissenschaft, 
Kunst und Litteratur, Technik und Geschmack an der Spitze der europäischen Kultur. 
Heute ist, wie das Hillebrand so scharfsinnig ausführt, der Grundzug des französischen 
Wesens rationelle Verständigkeit. 
Wie die Ehe sorgfältig ausgeklügelte Vernunftehe ist, so ist die Erziehung darauf 
gerichtet, einen klugen, feinen Egoismus in wohlwollenden Formen zu erzeugen; die 
Eltern wollen nicht charakterfeste, geistesfreie Söhne haben, sondern ihnen die Wege 
ebnen, fie davor bewahren, sich lächerlich zu machen. Was man am höchsten schätzt, 
ist nicht fester Wille, Mut, Arbeit um der Sache willen, sondern Mäßigkeit, Besonnen— 
heit, Fügsamkeit gegenüber allen konventionellen Regeln. Nirgends ist man so redlich 
vom letzten Dienstboten bis zum Millionär, so ordnungsliebend, solid und sauber in 
der Kleidung, so mäßig im Essen und Trinken, so wenig verschwenderisch, so klug 
berechnend in der Sparsamkeit. Der Franzose ist stets gefällig, nicht leicht generös; er 
arbeitet in gewissen Jahren außerordentlich fleißig, aber um so früh als möglich sich 
zur Ruhe zu setzen oder um irgend ein Ordensbändchen, eine Auszeichnung zu erhalten; 
uneigennütziges Arbeiten ist ihm unverständlich. Auch in der Liebe, in der Religion 
ist er klug, vorsichtig, berechnend. Diese kluge Reflexion reicht für gewöhnliche Lebens— 
lagen aus, versagt aber leicht in den großen und besonderen Augenblicken. Und daher 
ist das französische Volk in solchen Lagen so kopf- und ratlos, von bleicher Panik, 
bdlinder Leidenschaft, selbstsüchtiger Wildheit erfaßt. Es fehlen, sagt Hillebrand, dem 
Franzosen jene ernsten männlichen Tugenden, die nur auf dem Boden des inneren 
individuellen Lebens gedeihen. Es herrschen wenigstens bei einem erheblichen Teile die 
aüchternen und rationalistischen Ideale der Mittelmäßigkeit und die Phrasen. 
66. Ethnographische Einzelbeschreibung: Die germanischen 
Völker, die Deutschen. Die romanischen und die germanischen Völker sind die 
Hauptelemente der europäischen Kultur, auf ihrem Zusammenwirken und ihrer Wechsel— 
wirkung beruht die europäische Geschichte. Die Romanen sind die älteren, die Germanen 
die jüngeren Glieder derselben Familie, jene sitzen im Süden und Westen, diese im 
Norden und im Centrum Europas, jene sind direkter von den Überlieferungen der Antike 
und der mittelalterlich-katholischen Kirche beherrscht als diese. Der Protestantismus 
und die geistigen, au ihn sich knüpfenden, sittlichen und staatlichen Reformbewegungen 
gehören der germanischen nordeuropäischen Welt an. 
Die großen stattlichen Leiber, die blonden Haare und blauen Augen, die rücksichts— 
lose Härte, der unbeugsame Stolz, die hingebende Treue, das reine Familienleben der 
Germanen bewunderten schon die Römer. Und diese Eigenschaften finden sich noch heute 
bei manchen der germanischen Völker, zumal den ungemischteren nordgermanischen, wenn 
auch so vieles seither da und dort unter anderen Verhältnissen sich wandelte, und 
Schicksal, Klima, Rassenmischung, Wirtschaftsleben die einzelnen germanischen Stämme 
und Völker weit auseinander führte. 
Bleiben wir zunächst bei den Deutschen stehen, so werden wir sagen können, daß 
die Barbaren des Tacitus durch die Kämpfe mit Rom, die definitive Seßhaftigkeit, die 
christliche Kirche zwar schon etwas andere geworden seien, daß aber die lang dauernde 
Naturalwirtschaft und das Mißlingen eines eigenen centralistischen Staates, sowie die Los— 
lösung von Rom durch den Protestantismus doch auf längere Erhaltung ihrer älteren 
Eigenschaften hinwirkte, als sonst wohl geschehen wäre. Noch ist heute Deutschland eine 
Völkermutter wie einstmals Fran; viele Jahrhunderte hat es alle Völker Eutopas mit
	        
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