Full text : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Die Zahl der Geburten und der Todesfälle. 167

ind großer Kindersterblichkeit 25—388 Todesfälle haben. Eine Abnahme der Sterblichkeit
im 18. Jahrhundert ist fast überall zu beobachten: in Schweden war sie 1751 -70 27,6,
1816. 10 234, 1884-93 17,2; 'in Deutschland 1841-50 28,2, 1890-95 24,5;
dieses Sinken fand aber nicht ohne mancherlei Schwankungen statt; dieselben müssen von
Jahr zu Jahr unter Umständen größer sein als etwa bei der Geburtenzahl; man hat
gesagt, die Sterbeziffer sei um die Hälfte dehnbarer als die Geburtenziffer; Hunger-,
risen-, Krankheitsjahre greifen hier jäher ein, als umgekehrt gute Jahre die Geburten
ördern: die Sterblichkeit war z. B. in Preußen 1816 27, 1818 81, 18285 27, 1831
36, 1840 28; in Deutschland sank sie 1882—60 von 29 auf 24, stieg 1866 auf 32,
war dann 2728, aber 1871 wieder 81, um endlich successiv auf 27, 25, 28 herab—
zugehen. In einzelnen Städten und zeitweise, z. B. in Hamburg im Cholerajahre 1892,
st'noch neuerdiugs die Sterblichkeit von vorher 22224 auf 40 gestiegen, um in den
olgenden Jahren wieder auf 20 und 18 zu sinken.
Die allgemeine Deutung der Sterbeziffern ist nicht sehr schwer: Wohlfahrt, gute
Sitten und Siaatseinrichtungen, gesunde hygienische Verhältnisse vermindern die Sterb—
lichkeit, verlängern das Leben. Wenn man früher allgemein in den Städten größere
Sterblichkeit fand, so lag die Ursache teils in den ungesunden Verhältnissen, teils im
harten Daseinskampf; jetzt haben manche Städte eine geringere Sterblichkeit als der
Landesdurchschnitt. Daß in vielen Ländern die Sterblichkeit mit der größeren Dichtigkeit
der Bevölkerung wächst, ist nicht Folge dieser an sich, sondern der häufig in solchen
Ländern vorhandenen Zahl vieler armer Leute und anderer ungünstiger Verhältnisse.
Die steigende Wohlhabenheit und die verbesserte Hygiene haben an der verminderten
Sterblichkeit von 1760 —1890 sicher den Hauptanteil; aber im Vergleich der verschiedenen
heutigen Staaten werden wir nicht sagen können, daß ihre Sterbeziffern allein diesen
Arsachen entsprechen; Länder mit geringerem Wohlstand und mäßiger Hygiene haben
zeringe Sterblichkeit, z. B. Finnland 20, Griechenland 21, Bulgarien 21, Norwegen 16;
Deutschland und Hfterreich haben höhere Sterblichkeit, 26—228, als Länder, die ihnen
an Wohlstand gleichen, z. B. die Schweiz mit 21, Belgien und die Niederlande mit 20.
England hat jetzt 31, Irland 18, und wie viel reicher ist das erstere; Frankreich hat
22 und steht so England sehr nahe, ist aber doch nicht so wohlhabend und in seiner
Hygiene so entwickell. Die Ursache dieser Verschiedenheiten liegt in dem Altersaufbau,
der Geburtenzahl und vor allem in der schon mehr erwähnten Kindersterblichkeit. Wo
diese groß ist, beeinflußt sie sehr stark die allgemeine Sterblichkeitsziffer, ohne daß in
— —
stand und die Hygiene entsprechend geringer wären.
Im allgemeinen wird man für frühere Zeiten und rohe Kulturen annehmen
önnen, daß ihre Kindersterblichkeit meist eine noch viel größere war als heute in den
sulturstaaten, wo sie am schlimmsten ist. Die mittelalterliche Bevölkerungsstatistik hat
uns belehrt, daß in den Staͤdten die meisten Ehepaare 6212 und mehr Geburten, aber
meist nur 128 lebende Kinder hatten. Annähernd ähnlich find heute noch die Zustände
in Osteuropa. Von 100 Geborenen sterben im ersten Lebensjahre in Rußland 26, in
Deutschland 20 —26 (noch vor 40 Jahren in Bayern und Württemberg 30 -35), in
Frankreich, der Schweiz und Belgien 16, in England 14, in Norwegen 9; in den ersten
fünf Lebensjahren schwanken die Ziffern zwischen 18 und 89 Prozent der Geborenen.
Die Ursachen der Verschiedenheit liegen offenbar nicht bloß in den wirtschaftlichen Ver—
hältnissen, dem größeren oder geringeren Drucke der Not, sondern ebenso in Gewohnheiten
zer künstlichen und natürlichen Ernährung, im Kostkinderwesen, vernünftiger und un—
dernünftiger Kinderbehandlung und Ahnlichem. Aber das bleibt doch, wie wir es
borhin bei Besprechung der Geburten schon andeuteten, die Hauptsache: große Kinder—
sterblichkeit ist ein Symptom ungünstiger wirtschaftlicher und sonstiger Verhältnisse; sie
dellt iamer einen Anlauf von zu rascher Bevölkerungszunahme dar; sie umschließt ver—
Jebliche Ausgaben, vergebliche Kümmernisse und Sorgen aller Art. Das Ziel muß sein,
uicht möglichst viele, sondern möglichst lebensfähige Geburten zu erzielen, in der Gesamt—
terbeziffer möglichst wenig Kinder zu haben, den Bevölkerungszuwachs zu erzielen mit
            
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