Full text : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

264 Zweites Buch. Die gefellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

die Städte, siedelten sich auf dem Lande zerstreut an. Auch in Gallien geschah dies
zunächst überwiegend. Nur die Burgundionen bequemten sich früher zum Bewohnen
der „Burgen“, und in Italien haben Goten und Longobarden sich wohl noch rascher
in eine städtische Aristokratie als Nachfolger der römischen Possessoren umgewandelt.
So konnte das karolingische Reich in Italien und füdlich der Loire manche Städte
zählen, die direkt an die antiken anfschließen; auch in England bricht die romanische
Stadtentwickelung nicht ganz ab; am Rhein erheben sich bald wieder Koln, Mainz und
Straßburg, letzteres wird gegen 800 als civitas populosa bezeichnet. Aber im eigent⸗
lichen Deutschland fehlte es noch gegen 900 vollständig an Städten. Was es giebt,
sind ummauerte Pfalzen, Bischofssißze und Klöster. Im 10. Jahrhundert wird König
Heinrich als Städtebauer gepriesen, d. h. er baute Grenzkastelle gegen die Magyaren.
Es wurde von da an die Umwallung der Bischofssitze systematisch gefördert, und ebenso
haben die energischeren Könige den Festungsbau überhaupt betrieben, da und dort sogenannte
urbes regales mit Wall und Graben geschaffen; ihre Einwohner wurden als milite
asrarii bezeichnet. Aber es blieben diese Orie doch mehr befeftigte Dörfer als Städte,
und sie waren nicht sehr zahlreich. Sie versahen für gewisse bedrohte Gebiete die Stell⸗
eines Zufluchtsortes, welche für die Stämme und Volker früher befestigte Berge und
Burgwälle, im Altertum die Städte gespielt hatten. Daher findet man auch viele
Spuren, daß die ländlichen Umwohner am Bau helfen mußten.
Die Marktverleihungen an Bischöfe und Klöster vom . 11. Jahrhundert deuten
auf eine gewisse Hebung des Verkehrs an den periodisch stattfindenden Jahrmärkten
hin; aber wie es heute noch im Orient Markt- und Messeplätze giebt, wo einmal im
Jahre sich Tausende versammeln, ohne daß eine Stadt entsteht, fo war es auch damals
noch lange mit den meisten von der öffentlichen Gewalt oder der Kirche eingerichteten
Märkten.
Die Ausbildung einer kriegerisch organisierten Naturalverwaltung der großen
Grundherrschaften führte im 10.12. Jahrhundert vor allein zu einem planvollen
Burgenbau, zu einem System befestigter Fronhöfe, die aber schon ihrer Lage nach nur
zum kleineren Teile Mittelpunkte späterer Städte werden konnten. Wie die Reichstage
auf freiem Felde vor den Thoren der Bischofssitze Augsburg, Worms ꝛc. gehalten
wurden, so konnte Tribur 27/ Jahrhunderte Ntittelpunkt der denischen Reichsverwaltung
sein, ohne zur Stadt zu werden. (Nitzsch.)
In Italien, Frankreich, Belgien, ja sogar in England kam es durch die Reste
antiker städtischer Kultur und durch günstige Verkehrslage mancher Orte schon im 11.
und 12. Jahrhunderte wieder zu einem lebendigen städtischen Leben. Nach der Zu—
jammenstellung, welche Gneist auf Grund von Merewether macht, gehören von 275 eng⸗
lischen Städten der Zeit bis 1199 96, der von 1199 —1807 101, der von 1307— 1389
47, der von 1399 -1649 82 an. In Deutschland wuchsen fast nur die Rhein⸗ und
Donaustädte im Laufe des 11., Anfang des 12. Jahrhunderts kräftig empor; die Markt—
politik der Bischöfer hob den Verkehr; Weinhandel und Schiffahrt, die Anfänge des
Handels und des Gewerbes förderten die Ansammlung etwas zahlreicherer Bevölkerung
in und vor den Mauern. Aber neben Regensburg ist nur Koln durch seinen Verkehr
den Rhein hinab und über See gegen 1200 eine erhebliche Stadt. Freilich schon
900 Familien nannte man damals eine „ingens ciyitas“. Und der ganze Schwerpunkt
städtischer Entwickelung liegt für Deutschland doch erst am Ende des 12. und im
183. Jahrhundert; nicht vor dieser Zeit fällt der Begriff der Marktstatt und der der
Stadt überhaupt zusammen; es entsteht die bis heute gültige Bezeichnung: Stadt. Die
Städtebildung dauert im 14. Jahrhundert hauptsächlich im Osten Deutschlands fort und
klingt im 15. aus. Von da an sind wenig neue deutsche Städte mehr, und diese erst
vereinzelt im 18. Jahrhundert, häufiger mit der großen wirtschaftlichen Entwickelung
der letzten Menschenalter entstanden. Als Beweis feien solgende Zahlen angeführt, du
nach Genglers Cod. jur. municipalis berechnet find: je nach der ersten Urkunde oder
ersten Erwähnung des die Buchstaben A bis Du, d. h. 280 deutsche Städte umfassenden
Berzeichnisses fallen in die Zeit vor 1000 12 Stadte, ne 11 Jahrhundert 4, ins 12.
            
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