Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 187 
Ottonenzeit ein stärkeres Bedürfnis fühlte, den Termin recht— 
licher Selbständigkeit weiter hinauszuschieben. Wie mußten da 
die nach unseren Begriffen Erwachsenen empfinden, gewähr— 
leisteten sie Kindern die im Rahmen der Zeit möaliche volle 
Freiheit sittlicher Bewegung! 
In der That ist das sittliche Leben dieses Zeitalters noch 
voll jugendlich-unreifen Hastens, voll sprunghaften Thuns, voll 
impulsiven, ja fast nur reflexmäßigen Denkens. Politische Ge— 
sinnungswechsel sind überaus häufig; bisweilen sind sie fast 
unerklärbar, nicht selten abhängig von angeblich höherer Ein— 
gebung, von Träumen und Wundern. Es fehlt eine gewisse 
Gleichmäßigkeit der moralischen Stimmung; angeblich sittlicher 
Zwecke halber übersehen auch die sittlichsten Naturen der Zeit 
leicht die Unsittlichkeit der angewendeten Mittel; Reliquien⸗ 
diebstähle zur Ehre Gottes, Urkundenfälschungen zum Vorteil 
irgend eines Heiligen, alle Arten der pia fraus sind alltäglich. 
Dem entspricht es, wenn Tadel leicht zum Fluch, wenn Strafe 
zur brutalen Peinigung führt, wenn ungezügelte Sinnlichkeit 
im Weibe nur noch tierische Instinkte wahrnimmt und ausbeutet 
oder verabscheut. 
Aber freilich zeitigt die Unausgeglichenheit der moralischen 
Haltung auch die großen Eigenschaften der Periode. Die Ge— 
sellschaft dieser Zeit vertuscht nichts, sie redet noch in unge— 
brochenen Naturlauten, die gröbsten Laster werden öffentlich be— 
sprochen ohne Scheu; die zarte Hrotsuit schildert in ihren Dramen 
Bordellscenen mit liebevollstem Eingehen auf Einzelheiten. Aber 
die Gesellschaft ist andrerseits keineswegs lüstern, ihre Offen— 
heit hat etwas Wahres, sie wirkt bedeutend durch den großen 
Wurf ihrer Naivität. Es sind Züge, die dem öffentlichen Leben, 
der Geschichte dieser Zeit noch heroische Färbung verleihen; die 
Leidenschaften öffnen kühn ihr Visier in den Kämpfen um 
Herrschaft und Reich; und der Sturmwind der Auffassungs⸗ 
weise unserer Epen jagt noch über die Felder auch der höchsten 
politischen Konzeptionen. 
Goethe hat einmal als die eigentliche Wurzel höherer Sitt⸗ 
lichkeit die Selbsterkenntnis, als ihr echtes Mittel die Selbst⸗—
	        
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