Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

198 J Sechstes Buch. Zweites Kapitel. 
Poesie besaßen und an ihrem Teile mehrten. Dabei waren sie 
aber nicht mehr hochgemute Sänger, wie ihre Vorgänger der⸗ 
einst an den Höfen der Stammesfürsten und Könige des 6. bis 
8. Jahrhunderts: Possenreißer und Musikanten, Mimiker viel⸗ 
fach gewöhnlicher Art, lose schweifendes Volk waren sie; und 
die neue Poesie ihrer Schöpfung ist mit ihnen vergangen im 
Wind und Wetter der Landstraße. 
So sind wir über die außerordentlichen Wandlungen, die 
sich in der äußeren Formgebung der Dichtung vom 8. bis zum 
10. Jahrhundert vollzogen, nur wenig unterrichtet. Während 
sich auf der einen Seite noch lange die Praxis der Verschrän— 
kung von Vorstellungen, ja ganzen Episoden erhält — ähnlich 
wie in der Pflanzenornamentik die Vergitterung pflanzlicher 
Schäfte noch spät an die Bandornamentik der Urzeit erinnert —, 
während ferner die Allitteration noch vielfach gebraucht wird, 
machen sich doch langsam auch neue Arten der Formgebung 
geltend. Die Erzählung wie die Darlegung der Empfindungen 
wird ohne Verflechtung breit und klar gehandhabt; und an die 
Stelle der Allitteration tritt der Reim. 
Nur schwer lassen sich die Gründe gerade dieser Umwälzung 
aufklären. Gefördert wurde der Reim offenbar durch das Bei— 
spiel der lateinischen Dichtung, vornehmlich der Sequenz und 
des Hymnus, ja vielleicht auch schon durch das an der vokal— 
reichen lateinischen Sprache fortgebildete Sinnlichkeitsgefühl für 
den Sprachkörper; Platz geschaffen ward ihm zugleich durch den 
Verfall der altgermanischen chorischen Dichtung. Doch sind das 
nur nebensächliche Momente; in der nationalen Entwickelung 
selbst muß die Aufforderung zu einer auf den Reim führenden 
Wandlung der dichterischen Formgebung gelegen haben: sonst 
würden Reim und Assonanz schwerlich so rasch und allseitig, 
zugleich in der Anekdote und dem ernsten Epos, in Kunst— 
schöpfungen wie in echt nationaler Poesie, besonders auch in 
Otfrids Krist, zum Durchbruch gelangt sein. 
Vielleicht ist der mehr lyrische, musikalische Charakter des 
Reims für seine schnelle Aufnahme von Bedeutung gewesen. 
Wenigstens läßt es sich nicht verkennen, daß mit der neuen
	        
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