70 Neuntes Buch. Zweites Kapitel.
vollzogen hatte, das war die Säkularisation des geistigen Lebens
in den führenden Schichten der Nation: hier hatte Prou Werlt
die Ecclesia endgültig geschlagen. Zwar nahmen die Werke
äußerlicher Frömmigkeit noch zu, in Baiern entstehen im
11. Jahrhundert 24, im ersten Viertel des 12. Jahrhunderts
57 neue oder wiedereingerichtete Klöster; im östlichen Schwaben
werden im 11. Jahrhundert 18, im 12. Jahrhundert 40 Klöster
gegründet!. Allein diese Werkheiligkeit kann nicht über die
geistige Wandlung in den Köpfen des Adels täuschen. Weit—
herzigkeit und Toleranz ziehen hier ein; Wolfram von Eschen—
bach darf in seinem Parzival das Bild einer kirchlichen
Gemeinschaft ohne Papst und Hierarchie entwerfen ; Heiden
können seiner Meinung nach selig werden, und Freidanks
Bescheidenheit münzt die allgemeine Überzeugung in den
Spruch aus:
Kristen Juden Heiden
sint 2e Akers ungescheiden.
Schon steht den größten Geistern unter den aristokratischen Zeit—
genossen der sittliche Wert des Menschen höher, als der formal—⸗
religiösse — bis gegen Wende des 18. und 14. Jahrhunderts
ein kühner staatsrechtlicher Denker den Schluß zieht, daß auch
äußerlich, nach Natur- und Völkerrecht, Juden und Heiden
einem christlichen Kaiser mit gleichem Recht unterstehen dürfen.
wie Christen?.
Nicht als ob damit die führenden Schichten der Nation
freigeistig geworden wären. Ihre Frömmigkeit blieb, aber sie
bildete nicht mehr den alles verschlingenden Grundzug der Zeit,
und sie beruhte nicht mehr auf leidenschaftlicher Aufnahme der
christlichen Sittengebbdte und des Glaubens, auf unbedingter,
selbstentäußernder Hingabe an die Forderungen der Kirche. Sie
hatte sich verinnerlicht, sie war nicht mehr kirchlich, sondern
religiss; und sie vertrug sich sehr wohl mit äußerer Pracht und
der lebendig strahlenden Lebenshaltung des emporblühenden
v. Inama, Wirischaftsgesch. 2, 182 Anm. 4.
» Engelbert von Admont; ogl. Riezler, Widersacher S. 167.