Full text : Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

106 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.

viel ausgesprochener kommunistisch, als die Apostel. Sie
näherten sich damit den zu recht geltenden sozialen Anschau—
ungen der germanischen Völker in der rein markgenossenschaft⸗
lichen Zeit; es ist eines der Momente, das dem Deutschtum
des merowingischen und frühkarlingischen Zeitalters die An—
nahme des Christentums erleichtert haben muß. Und seitdem
entwickelte die Kirche ihr kommunistisches Ideal immer schärfer —
freilich auch immer mehr als Ideal, das der Wirklichkeit nicht
gezieme. Den Fortschritt zeigen die Scholastiker, allen voran
der heilige Thomas.
Andererseits aber begann seit dem 18. Jahrhundert auch
eine kirchliche Bewegung, die wiederum auf praktischen Kom—
munismus hinauslief, wenn auch in sehr eigenartigen Formen.
Die seit dem frühen Mittelalter sich immer mehr vergeistigende
Askese fand das Ziel christlicher Vollkommenheit seit dieser
Zeit in der völligsten Bedürfnislosigkeit auf Erden, in einer
Armut, wie sie Christus bewahrt hatte. In dieser Armut zu
leben ward die Aufgabe von Tausenden edler Geister; die
Armutsbewegung selbst ward bald zu einer Gegenströmung
wider den kapitalistischen Egoismus des Großbürgertums, und
ihre Vertreter, die Minoriten und ihre Affiliirten, ja die
Bettelmönche überhaupt, galten als Lieblinge des gemeinen
Bürgers!.
Die sozialistisch-revolutionären Bewegungen aber, wie sie
auf rein wirtschaftlich-weltlichem Boden auftauchten und in
den Mißständen begründet waren, von denen bisher gesprochen
ward, empfingen von dieser Entwicklung her in den Augen
bieler Zeitgenossen den Abglanz idealer und christlich nicht zu
verwerfender Bestrebungen. Das galt für die Bewegungen in
den Städten, noch mehr aber für die des platten Landes.
Denn der Bauernstand war von jeher der von der biblischen
Anschauung bevorzugte Beruf gewesen: in der That gewährt
er am ehesten die sittlich-konservativen Vorbedingungen christ—
licher Glaubensempfänalichkeit. So ist es nicht zu verwundern,

Vgl. Band IV Buch XII Kapitel 8 Nr. II.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.