Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

10 — Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel. 
Besonders lehrreich unter all den einzelnen Bewegungen 
dieser Art ist die im Gebiete der Abtei Kempten. Hier war 
schon früh kein Mittel zur Knechtung und Auswucherung der 
Bauern unversucht gelassen; freie Bauern waren zu Zinsern, 
Zinser zu Leibeigenen herabgedrückt, Waisen ihres Erbes be— 
raubt, einfache Grundholde um die Hälfte des ihnen rechtlich 
anfallenden Nachlasses betrogen worden. Der Ingrimm der 
Bauern über diese und andere Plackereien, lang angesammelt, 
brach in den achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts los, in 
Zeiten des Mißwachses und der Hungersnot, da der Abt trotz 
allem eine neue Steuer gefordert hatte. Die Unterdrückten 
sammelten sich zu Luibas, an der alten Malstatt des Landes: 
die Empbrung suchte die Rechtsformen der Vergangenheit. 
Man wandte sich mit seinen Beschwerden an den schwäbischen 
Bund, als dieser nicht half, an den Kaiser. Da griff der 
Bund, wegen der drohenden Einwirkung der Reichsgewalt 
besorgt, ein, unterdrückte den Aufstand gewaltsam und erzwang 
einen sogenannten Vergleich zwischen Unterthanen und Abt, der, 
der Form nach billig, in Wahrheit alles beim Alten ließ. 
Es war der gewöhnliche Ausgang solcher Bewegungen; 
fast nur die Leute der Abtei Ochsenhausen in Oberschwaben 
haben vor dem großen Bauernkrieg eine wirkliche Erleichterung 
durchgesetzt. 
Inzwischen aber waren die partikular-grundherrlichen 
Gärungen schon längst überholt durch weitergreifende Aus— 
brüche. Im Jahre 1461 waren die Bauern des Pongaus, des 
Pinzgaus und des Brixenthals gegen den Erzbischof von Salz— 
burg aufgestanden, im Jahre 1478 reckten die untreuen Bauern 
von Kärnthen ihre Hände auf gegen den Landesherrn, den 
Kaiser Friedrich, im Jahre 1492 erfolgte eine Empörung am 
Lech schwäbischen wie bayrischen Ufers, und im Jahre 1492 
unternahmen die Westfriesen, Kennemer und Waterländer den 
sogenannten Käse- und Brotkrieg gegen neue Steuerforderungen 
der burgundischen Herrschaft. In allen diesen Fällen handelte 
es sich in erster Linie nicht um grundherrliche, sondern um 
landesherrliche Fragen; man forderte zumeist eine wohlgeordnete
	        
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