282 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Woche auf Woche mit leeren Erörterungen; und sehr früh
nahmen sie statt der kaiserlichen Vorlage die erneute Aufstellung
von Beschwerden gegen die Kurie, die in einem unerhört
heftigen Ton gehalten wurden, in Angriff: „alle schrieen nach
einem Konzil, kündigten Rom den Gehorsam auf und empörten
sich gegen den Klerus“. Anfang März war so in Sachen des
Kaisers noch nichts erreicht; der Kaiser ward ungeduldig; er
kam auf seine Wünsche dringlich zurück und nahm Gelegenheit
zu betonen, es sei des Reiches Herkommen, daß man einen
Herrn habe.
Es ist zu bezweifeln, daß eine solche Erinnerung in diesem
Augenblicke völlig am Platze war. Der Kaiser war damals
infolge neuer Verschiebungen der allgemeinen europäischen Zu—
stände ganz in den Händen der Stände. In Spanien wütete
noch der Aufstand der Communeros. An der burgundisch—
französischen Grenze geriet die Treue wichtiger Adelshäuser
gegenüber Burgund ins Wanken. Der Papst, an sich schon
zu Frankreich neigend, ward durch die Ankündigung einer be—
waffneten kaiserlichen Romfahrt immer völliger in die Arme
König Franzens getrieben. Und Franz kannte diese Lage der
Dinge sehr wohl; er sah seinen Vorteil darin, die kaiserliche
Proposition an den Reichstag als Kriegserklärung zu betrachten;
schon warf er Truppen gegen die spanische Grenze.
Unter diesen Umständen konnte der Kaiser in Worms nicht
anders als der autonomen Bewegung des Reichstags folgen.
Diese drängte aber von der kaiserlichen Proposition schon längst
ab in die religiöse Bewegung. So blieb Karl nichts übrig;
er mußte noch vor der Erledigung seiner Vorlage die Be—
sprechung der lutherischen Sache zulassen und selbst Farbe be—
kennen. Am 13. Februar sprach Aleander zum erstenmal vor
dem Reichstag über Luther; darauf legte der Kaiser den
Ständen ein scharf gefaßtes Mandat gegen den Ketzer vor.
Die Stände, zuerst die Kurfürsten, traten darüber während
der nächsten Tage in eine langwierige, äußerst hitzige Beratung;
Aleander am 8. Februar; Brieger Nr. 6; Kalkoff S. 50.