Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Zweites Kapitel. 
Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale 
Revolufion. 
Fast ein Jahr verweilte Luther auf der Wartburg. Es 
war eine Zeit, da er, von neuem von den Wechselfällen ein— 
samen Grübelns bedroht, Rettung und Erholung zugleich fand 
in unendlich fleißiger litterarischer Arbeit. Zwar erwuchs ihm 
in dem Burghauptmann von Berlepsch ein lieber Freund; zwar 
bewegte er sich als Junker Georg, von einem Reitersknecht be— 
gleitet, frei in Wald und Flur, und selbst der ritterlichen Lust 
der Jagd konnte er sich in seiner Vermummung nicht völlig 
entziehen. Doch hinweg über all das lebte er zunächst seinen 
Studien und seiner Sache. Briefe und Traktate von ihm er— 
schienen in reicher Fülle, und in der Postille ward eine Aus— 
legung des reinen Evangeliums für das Volk begonnen. 
Vor allem aber, während der langen Wintertage von 1521 
auf 1522, trat der Gedanke einer Übersetzung der Bibel vor 
seine Seele; und in weniger als drei Monaten war die 
Übersetzung zunächst des Neuen Testaments in den Grundzügen 
vollendet. Nachmals ward sie weiter gefeilt; am 22. Sep— 
tember 1522 ist sie bei Hans Lufft in Wittenberg erschienen 
und alsbald, trotz aller Verbote, in die weitesten Kreise des 
Volkes verbreitet worden.
	        
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