Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 425 
äußeren Politik, wenigstens zwischen den deutschen Territorien, 
unmittelbar parallel liefen. Diese Politik war, wesentlich eine 
Abrundungs- und Vergrößerungspolitik, in den früheren Jahr⸗— 
hunderten ausgesprochen sittenlos verlaufen: nicht das Recht, 
allein die Zweckmäßigkeit, und diese wiederum wesentlich als 
Bedürfnis der herrschenden Familien gefaßt, war für sie maß— 
gebend gewesen. Demgegenüber wurde jetzt wenigstens der Ge— 
sichtspunkt, von dem aus man dies Getriebe amtlich und öffentlich 
betrachtete, ein anderer. Es sind die Zeiten, da das Wort 
Konvenienzpolitik aufkommt; sein milderer Klang sollte die Un— 
sittlichkeit der Einzelporgänge maskieren, wie denn mit ihm auch 
die diplomatischen Mittel, im 16. und auch noch im 17. Jahr⸗ 
hundert von ausgesprochenster Unsittlichkeit, jetzt mindestens in 
der Form zivilisierter und den Grundbedingungen eines sitt⸗ 
lichen Zusammenlebens entsprechender gehandhabt wurden. Man 
erachte diese Wandlung nicht für gering; im Grunde besagt 
sie, daß man die Unsittlichkeit der bestehenden rein individua— 
listischen Politik zusehends empfand; daß mithin ein weiterer 
Schritt in der Versittlichung der Politik in dem Sinne in 
Aussicht stand, daß diese sich den wirklichen Bedürfnissen 
der menschlichen Gemeinschaften, die sie vertrat, um ein 
mehreres annähern sollte. 
Darf man aber behaupten, daß auch schon die große 
europäische Politik der Zeit, die sogenannte Kabinettspolitik 
der Mächte, sich diesen Forderungen angepaßt hätte? Friedrich 
der Große hat über sie geurteilt, daß sie alle Frevel in ein 
wissenschaftliches System gebracht habe; daß in ihrem Bereich 
ieder Vertrag einen schiefen Sinn annehme und gedeutelt 
werde; daß der Trug sich hier das Diadem auf die Stirn ge— 
drückt habe, und daß Verbrechen, für die das Volk gesetzlich 
bestraft werde, bei Königen Tugenden würden. Und man kann 
wahrlich nicht behaupten, daß der König in all seiner Emphase 
falsch geurteilt habe: es ist die Zeit, da Spanien jedermann 
zu Gebote stand, der die Kinder zweiter Ehe seine Dynastie zu 
bereichern willens war, Österreich jedem, der die pragmatische 
Sanktion stützte, Schweden und Polen jedem, der Adelsstimmen
	        
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