Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

126 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
ohne politische Bedeutung geblieben ist; solange mindestens 
und so stark wie das Deutsche Reich der Gegenwart durch 
Handel und Verkehr zusammengeschweißt worden ist, ist es 
auch von tausend und abertausend Kehlen zusammengesungen 
worden. 
Doch über den Fluten des nationalen Gesanges ertönte 
alsbald auch der edlere Flügelschlag des Kunstlieds. 
Der erste große Meister des Kunstliedes war Franz 
Schubert (1797-51828): ein Sänger, wie ihn die roman— 
tische Phantasie fahrender Schüler kaum besser hätte erfinden 
können, ein Bohémien vor der Zeit, doch von gemildert 
wienerischem Wesen; der Vogel, der von den Zweigen sang 
gleichgültig selbst, ob auch nur Gott ihm lohne, der Mann eines 
stetigen milden Enthusiasmus, Optimist durch und durch, nie— 
mandem untertan und niemandes Herr, auch nicht seiner selber. 
Das schöuste Liederjahr Schuberts ist wohl das Jahr 
1814 gewesen, damals und da herum hat er als Schulgehilfe 
seines Vaters, eines armen Lehrers mit vierzehn Kindern und 
bierhundert Gulden Gehalt, in dessen Brot — und was für 
einem Brot! — den „Wanderer“ und den „Erlkönig“, die 
Mignonlieder, den „Fischer“ und das „Heideröslein“ — darüber 
auch noch Opern und Singspiele, Messen und Kirchenchöre, 
die erste Symphonie, Sonaten, ein Streichquartett und tausend 
andere Dinge geschaffen. 
Am unerschöpflichsten aber war er doch als Liedersänger. 
Es genügte für die Komposition oft, daß er ein Gedicht las; 
denn er las es mit der aufquellenden Melodie zugleich. Und 
er schrieb die Eingebungen nieder, wo er sich eben befand, bei 
Freunden, im Wirtshaus; Speisekarten, Papierschnitzel emp⸗ 
fingen nicht selten unsterblichen Gehalt. So war er auch in der 
Form nicht ängstlich. Er ging wohl von der strengen Art 
Beethovens aus, den er kindlich verehrte, so sehr sich der 
Meister gegen seinen liebenswürdigen und einschmeichelnden 
Genius bei aller inneren Anerkennung spröde verhielt. Aber 
im Grunde stand zwischen beiden doch der Gegensatz von 
Heroismus und Romantik; und so war es Schuberts Aufgabe,
	        
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