138 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
seinesgleichen nicht gehabt. Neben ihm mochte wohl Marschner
(179551861) im „Vampyr“ und im „Hans Heiling“ die
Märchenmotive ins Grausige und die Geisterwelt ins Dämo—
nische ziehen oder in „Templer und Jüdin“ die Ritterromantik
ins Abenteuerlich-Erxzessive, wie der glücklich-unglückliche Lortzing
(1801 1851) in der philiströsen Spieloper seines „Zar und
Zimmermann“, seiner „Undine“ und seiner „Beiden Schützen“
eine deutsche Eigentümlichkeit entwickelte, in der sich Komisch und
Sentimental zu einem Ganzen verschmolzen, das in seiner liebens⸗
würdigen und doch bühnentechnisch ziemlich raffinierten Einfalt
auch auf uns noch immer behaglich wirkt. Aber keiner von
beiden, und auch Kreutzer nicht in seinem „Nachtlager von
Granada“ oder Nicolai in seinen viel höher stehenden „Weibern
von Windsor“, die freilich schon einer etwas späteren Zeit an—
gehören, ist so sehr Repräsentant und Meister der Periode zu—
gleich. Und nur auf dem Gebiete der Instrumentalmusik,
nicht in dem eigentlich weit mehr romantischen Bereiche der
Oper, hat es für Weber ebenbürtige und siegreiche Rivalen ge—
geben.
Die Behauptung läßt sich verteidigen, daß eine neue ro—
mantische Instrumentalmusik von Schubert noch nicht geprägt
worden sei, und daß als großromantisch in so frühen Zeiten
weit eher gewisse Werke Beethovens angesprochen werden
müßten, will man sie überhaupt der Romantik einrechnen. In
diesem Falle würde dann also Beethoven, freilich nur für eine
Periode seines Lebens und für wenige Seiten allein seines
Schaffens als der einzige wahrhaft große Schöpfer einer früh—
romantischen Musik zu bezeichnen sein.
Die Entwicklung der romantischen Instrumentalmusik im
ausgesprochenen Sinne führt jedenfalls in eine verhältnis—
mäßig späte Zeit und sofort zu einer nicht einfachen Erscheinung,
zum Wirken Mendelssohn-Bartholdys (1809 1847). Mendels⸗
sohn war der Sproß einer reichen und einer literarisch erlauchten
deutschen Judenfamilie, der ersten dieser Art, der die Emanzi—
pation im Staate Friedrichs des Großen freien Ellenbogen ver—
chafft hatte; sein Großvater war der Berliner Popularphilosoph