Die Spätromantik.
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kaisern auszubilden: — vergebens, und vergebens nicht ohne
eigene Schuld. Deutschland, das ist der Schluß, auf den der
Dichter hinsteuert, wird keine politische Einheitsgewalt und
keinen über das Ganze gebietenden Herrscher mehr haben; seine
Macht ist einseitig geistig, und Träger deutscher Kronen werden
nur die sein, die geistig obsiegen: Dichter, Sänger, Gelehrte.
Man erkennt in alledem wohl historische Elemente, man sieht
den Beitrag zur Kritik und zum Verständnis der Gegenwart;
mittelalterliche Romantik, Restauration und Resignation bilden
Zettel und Einschlag. Gleichwohl konnte sich aus alledem
schwerlich das feste Gewebe einer künstlerisch durchgeführten
Erzählung gestalten. Auch die „Kronenwächter“ wurden, bei
aller persönlichen Kunst des Autors, kein vollendeter Roman
und blieben auch äußerlich Fragment.
Still schmücktest dun. mit Kranz und Blume
Den Dom, an dem du bauetest, den weiten,
Zu Gottes Ehre, deinem Volk zum Ruhme.
Zwar sahst du nicht das Werk zum Ende schreiten,
Doch ragt's, gleich jenem Kölner Heiligtume,
Ein riesig Bruchstück in dem Strom der Zeiten.
sE. Geibel.)
Das einfache ruhige Erzählen hat eigentlich erst Scott die
Deutschen gelehrt. Und wie unter seinem Einflusse, der in den
zwanziger Jahren zu bemerkenswerter Höhe stieg, Ranke zu
den ersten geschichtlichen Konzeptionen gelangte, so blühten
unter der Einwirkung seiner Romane Hauffs „Lichtenstein“ und
verwandte Werke empor: eine Höhe des kulturgeschichtlichen
Romans wurde namentlich da, wo sich die Dichtung lauterer
Heimatsliebe vermählen konnte, erreicht, die der geschichtlich—
gelehrten Erkenntnis um ein beträchtliches vorauseilte. Allein
die dreißiger Jahre zeigten doch auch, daß es sich hier um eine
teilweise künstliche Blüute handelte; noch immer währte die ro—
mantische Strömung wenigstens bei dem durchschnittlichen Lese—
publikum fort, wenn sie nicht gar erst jetzt ihre volle Höhe er—
rang. Was schließlich im historischen wie im Zeitromane erreicht
wurde, das zeigen typisch vielleicht am besten die beiden großen